Als Forscher auf der M.S.Mississippi

… ist es besser, als ein Schrumpfkopf im Museum zu sein

Gleich am Anfang der Untertrave, fast schon an der Stelle, an der das berühmte Holstentor den Altstadteingang zur Holstenstrasse freigibt und von dort aus gesehen gleich rechts an der Untertrave, fand man bis vor einigen Jahren ein Museumsschiff.

Man konnte aufgrund des Namens denken, dass es sich dabei um ein alten Mississippi-Dampfer handelte, aber das war ein Irrtum. Da war kein Schaufelrad vorhanden und Dampf weder zu riechen, noch zu sehen.
Aber nichtsdestoweniger lag sie dort sehr anmutig, elegant und schien irgendwie als etwas sehr besonderes, die „M.S.Mississippi“. Sie war für jeden geöffnet. Zumindest, wenn man bereit war, einen nicht gerade günstigen Eintrittspreis (immerhin ganze zehn Mark, wenn ich mich recht entsinne) zu entrichten. Was man dann allerdings dafür an Bord zu sehen bekam, schien jedoch jedes schnöde Geld durchaus wert.

Das Schiff

wurde 1909 ursprünglich als Dampfer gebaut und unter dem Namen Prinz Heinrich im Passagier- und Postbetrieb zwischen Emden und Borkum eingesetzt. Die Prinz Heinrich (Schiffe unterliegen stets dem weiblichen Artikel) pendelte zwischen den nordfriesischen Inseln beständig hin und her, die ganzen Jahre des ersten großen Krieges und auch noch während des zweiten Weltkrieges; bei dem letzteren jedoch mit kurzen Unterbrechungen durch kriegsbedingten Einsatz: Die Prinz Heinrich musste als Postschiff die unzähligen Einheiten der Kriegsmarine auf der östlichen Nordsee hinter Helgoland versorgen, die dort wiederum als Versorger „auf Abruf“ und Rede lagen und darauf warteten, die im Ärmelkanal, vor der Themsemündung bis hoch vor Schottland operierenden Einheiten von Schnell- und U-Boote zu versorgen. Neben mehreren kleineren, durchaus gefährlichen bis unbedeutenden Luftangriffe durch britische Spitfires erlebte das Schiff jedoch keinerlei Beschädigungen oder sonstige aufregende Kriegserlebnisse. Schlank und wendig kurvte das Schiff zwischen mittleren bis größeren Dickschiffen und den Schnell- und U-Booten, ging längsseits, wurde vertäut und wartete, bis die Postsäcke vom einen Deck auf die anderen verholt wurden.
Und so mancher Seemann soll sich den Erzählungen nach in das schlanke, schnittige Schiff verguckt haben, blickte dann, nachdem das Postschiff ablegte, schmachtend träumend der Gischt hinterher, bis es dann beidrehte und schliesslich hinter der sonnengeblendeten Kimm des Horizonts verschwand. Eine Seemannsliebe der technischen Art, vielleicht aus Heimweh, vielleicht aber auch nur aus reiner Langeweile. Nach dem Krieg ging es wieder weiter, endlos zwischen Emden und Borkum und den anderen Inseln. Eintönig, aber pünktlich genau und seemännisch keineswegs unanspruchsvoll.

Bis 1969.

Mittlerweile wurde die Prinz Heinrich aus irgendwelchen unnostalgischen Gründen auf Diesel umgerüstet, sollte verkauft und dann doch abgewrackt werden. Doch kurz vor ihrer Außerdienststellung erbarmte sich ein abgetakelter Seemann diesem Schiffsschicksal. Er zögerte nicht, sondern griff zu und kaufte den Kahn.
Der Käufer war ein alter Kapitän, der viel Geld gespart haben musste und gerade dabei war, eine Schnapsidee zu verwirklichen. Reinhold Kasten, so der Name des Seemannes, kannte die Prinz Heinrich aus der Zeit seines Gastspiels bei der Kriegsmarine. Mehrfach erlebte er das Schiff in der Nordsee und war von der eleganten Seetüchtigkeit des schmalen Schiffskörpers, wie so viele andere auch, tief beeindruckt.
Er begann sich in das Schiff zu verlieben, so wie ein Seemann sich eben in ein Schiff verlieben kann.

Kasten begann seine Seefahrt 1934, im Alter von vierzehn Jahren. Damals umrundete er zum ersten Mal Kap Horn – so jedenfalls die Legende.
Kasten war mehr als ein Seemann in Rente, er kam zu einschlägigem Ruhm als Abenteurer und Weltumsegler, legte innerhalb von 56 Jahren zur See ganze 42 Weltreisen und angeblich weit über eine Million Seemeilen zurück.
Wer´s nicht glaubt, dem ist nicht zu helfen – wen juckt schon so etwas wie Glauben, wenn man unzählige Male Kap Horn umrundete, x-Mal die Magellanstrasse durchquerte, ebenso oft das Bermuda-Dreieck überstand und dabei vier Schiffsuntergänge überlebt haben soll.
Doch Kasten begnügte sich nicht mit dem Sammeln von Seemeilen, denn die überstanden ja nur die Tinte auf dem Papier. Kasten wollte etwas handfesteres, irgendwelche Dinge sammeln, über die man irgendwann auf ein bewegtes Seemannsleben zurückblicken konnte. Denn das Leben auf See war zwar „bewegt“, verlockte andererseits aber zum Vergessen, bereits aufgrund der überwiegenden Eintönigkeit dieser langen, gleichförmigen Tage auf hoher See. Und dieses Vergessen wurde dann später beim Erinnern sehr unvorteilhaft.
So jedenfalls kam Kasten im Laufe der Zeit zu allerlei Kram und Trödel. Insgesamt so um die 8000 Exponate, darunter ausgestopfte und präparierte Spinnen, Skorpione, Schlangen, Schmetterlinge und sogar einen lebensgrossen Orang-Utan.
Außerdem echte Kuriositäten wie Schrumpfköpfe, Vasen aus China, den silbernen Thron des Königs von Tonga und sogar einen echten Tropenhelm von Albert Schweitzer. Außerdem der Spazierstock von Winston Churchill sowie unzählige Dokumente, Briefe und gerahmte Fotos. Ein gemischtes Sammelsurium das nicht nur dazu diente, Wahrhaftigkeit zu legitimieren.
Jedenfalls kam Kapitän Kasten zu seinem eigenen Schiff und die Prinz Heinrich wurde so ein echtes Museum.

Wer

das Glück

hatte, Kapitän Kasten und sein Schiff zu erleben, der durfte seine „Überseeausstellung“ betreten um sich plötzlich in einer Welt voller Klischees wiederzufinden, in einem wahrhaftigen Kuriositätenkabinett kolonialer Träume (oder Alpträume).
Wenn man das Schiff betrat, wähnte man sich plötzlich auf einem Teil Südsee, der Karibik und der ostafrikanischen Küste – und zwar gleichzeitig. Schon das Deck, ganz dick mit blauer und weisser Farbe gepönt, schien eindeutig exotischen Ursprungs zu sein. Es war dort irgendwie „pazifisch“; ohne dass man dabei einen Schimmer haben musste, was eigentlich unter „pazifisch“ zu verstehen war.
Nicht nur für Touristen, sondern auch für Lübecker – insbesondere für die jüngsten – war es besonders an den freundlichen und sonnigen Tagen obligatorischer Standard, Kastens Überseeausstellung zu besuchen. Diese Besuche prägten und regten eine Art „überseeische“ Fantasie an.
Als Schüler tauchte man direkt hinein in die Tierwelt und Völkerkunde, gruselte sich vor dem riesigen Haigebiss, dem kompletten Mageninhalt eines erlegten bengalischen Tigers gleich daneben und den Manschettenknöpfe, einem von des Tigers Magensäure verätzten Schuhs und die (angeblich) immer noch funktionierende Schweizer Armbanduhr des vermutlich selben Besitzers. Man spürte förmlich das Drama hinter dem imposanten weißen Schädel des indischen Elefantenbullen, der zwei bengalische Tempelwächter tötete.

Kapitän Kasten, der Forscher,

freute sich deutlicher Beliebtheit unter den Besuchern seines Schiffes, selbst unter den eingesessenen, hanseatisch-kritischen Lübeckern. Sein markantes Schiff glänzte auf Postkarten und diente sogar einige Male als Kulisse für Fernsehproduktionen.
Manchmal war ich der einzige Besucher und kam damit in den Genuss einer Führung durch Kapitän Kasten persönlich. Als treuer und stets wiederkehrender Besucher kannte man sich und ein Gruß war das mindeste, was Kapitän Kasten an Respekt gezollt wurde.
Ob das Schiff gut besucht war oder nicht, konnte man bereits daran feststellen, ob der Kapitän vor seinem Schiff herumstand und vorbei schlendernde Touristen ankoberte , oder aber auf dem Sonnendeck vor dem Eingang zu seinen Privatgemächern Wache hielt; dann war an Bord etwas los und er kannte einen nicht.
Häufig kam man aber doch ins Gespräch und erfuhr dann überwiegend von seinen Sorgen und Nöten. Und wenn man ein Schiff mit festen Liegeplatz an einer so exponierten Lage unterhalten musste, gab es nicht gerade wenige Sorgen und Nöten. Kapitän Kasten war dennoch meisten zuversichtlich. Und stolz, dass nicht nur Touristen und anderes Volk seine Ausstellung besuchten, sondern auch Mitglieder der Lübecker Bürgerschaft, sogar Landespolitiker aus Kiel. Angeblich sollen darunter sogar einige gewesen sein, die auch schon als Kind voller Faszination seinen Geschichten lauschten und seine Exponate ehrfürchtig betrachteten. Er verfügte, dabei war er sich sicher, über eine Lobby.

Irgendwann

sollte Kapitän Kasten dann aber plötzlich eine weitaus höhere Liegegebühr zahlen, als in den Jahren zuvor. Ein deutliches Signal aus dem Rathaus und ein Zeichen, dass keine Lobby mehr vorhanden war. War bisher in Lübeck den städtischen Verantwortlichen völlig klar, dass eine solche Attraktion wie Kastens Überseeausstellung auf alle Fälle gepflegt und gehalten werden muss, ist so ein subventionierter Liegeplatz dabei ja nur die kleinste Investition.
Doch plötzlich sah man das offenbar völlig anders.
Kapitän Kasten hatte auch einen vagen Verdacht, weshalb sich plötzlich der Wind drehte. Irgendwann, so erzählte er mir, kam eine junge Bürgerschaftsabgeordnete an Bord, die alles andere als fasziniert und begeistert von seiner Ausstellung schien. Im Gegenteil, diese Frau (die Anrede „Fräulein“ verbat sie sich brüsk) wandelte schier angewidert über die Planken der Prinz Heinrich und äußerte bei jeder möglichen Gelegenheit, das diese, wie sie sich ausdrückte „koloniale Präsentation“ ja alles andere als zeitgemäss wäre. Vielmehr sei diese „entrückte“, wenn auch „gutgemeinte“ Ausstellung eher ein Ausdruck einer antiquierten, „fast schon rassistischen“ Sichtweise, der einem wissenschaftlichen und „ethnisch-behutsamen“ Anspruch kaum gerecht werden würde.
Kapitän Kasten wußte dabei erstmal überhaupt nicht, wohin die Reise gehen sollte – er fragte die Frau, in welcher Ecke der Welt man sich vielleicht schonmal begegnet sei um zu versuchen, mal ganz praktisch an dieser Situation anzuknüpfen – und hätte dann um ein Haar, nachdem sie erwiderte, aus einem ökologischen Grundsatz grundsätzlich weder Flug- noch Fernreisen zu unternehmen, die gute Frau (wäre sie ein Mann gewesen) über Bord geschmissen. Und er ärgerte sich noch lange, es aus Gründen der Gleichberechtigung nicht doch getan zu haben.
Denn die Frau versuchte doch glatt einige Tage später, Kasten davon zu überzeugen, seine komplette Sammlung der städtischen Völkerkundesammlung zu vermachen. Für seinen „Kahn“, wie sie die Prinz Heinrich beleidigte, würde sich auch noch eine Lösung finden. Dann würde sie sich auch persönlich dafür einsetzen, dass der Kapitän und seine Frau ein großzügiges Gnadenbrot in einer der städtischen Altenheime finden würde. Das sagte sie zwar nicht so, meinte es aber genauso.
Und nachdem er ihr am liebsten unter Verwendung seemännischer Kraftausdrücke das weitere Betreten seines Schiffes untersagte (tatsächlich verzichtete er auf die Kraftausdrücke, da er als Seelord selbstverständlich auch ein Gentleman war), kam es schliesslich einige Wochen später zu dieser Erhöhung der Liegeplatzgebühr.
Dann kam er auf die für Lübeck fatale Idee, mit Exil zu drohen: Wenn er nicht mehr länger am Holstentor liegen sollte, wenn ihn also dort niemand mehr haben wolle, dann wollte er auch nicht mehr in Lübeck bleiben. Die „MS Mississippi“, wie Kasten und auch die Lübecker die Prinz Heinrich mittlerweile nannten, gehörte zur Altstadt wie das Holstentor auf den Fünfzig-D-Mark-Schein und vermutlich konnte sich keiner mehr Lübeck ohne die Überseeausstellung vorstellen – wie sonst war es zu erklären, dass niemand für dieses Schiff kämpfte?

Jedenfalls

war der Kapitän irgendwann plötzlich weg.
Ich hatte lange nichts von ihm gehört, bis dann erzählt wurde, dass er sein Schiff wirklich nicht mehr in Lübeck halten konnte, da man es mit den höheren Liegegebühren tatsächlich ernst meinte.
Sein Schiff lag nun angeblich in irgendeinem Hafen, hoffend wartend auf neue Subventionen, auf einen Umbau, wieder zurück zum ursprünglichen Dampfbetrieb, um dann eine allerletzte Gnade als total restaurierter Oldtimer zu bekommen.
Um dann vielleicht doch noch verkauft zu werden, ganz lukrativ. Oder aber endgültig abgewrackt zu werden, dieses Mal aber richtig und wirklich und für alle Ewigkeiten. Dann gründete sich ein Traditionsverein, der das Schiff mithilfe der Denkmalpflege kaufen und retten wollte und seitdem lag die „MS Mississippi“ wieder als Prinz Heinrich an irgendeinem Kai in Niedersachsen.
An Kapitän Kasten und seiner Ausstellung soll auf dem ganzen Schiffskörper nichts weiter als eine kleine Messingplakette in der künftigen Messe memorieren. Keine Erinnerungen mehr an Kap Hoorn, dem Bermuda-Dreieck oder dem Tod, dessen Sense der kühne Seemann doch immerhin ganze vier Mal ausweichen konnte, mindestens.
Und dann erfuhr ich, dass wenigstens seine Überseeausstellung noch bestehen sollte.
Und tatsächlich: Im „Teepot“, einem traditionellen Café direkt am Warnemünder Ostseestrand, konnte man Kastens Ausstellung noch einige Jahre besuchen und besichtigen. Warum man die Ausstellung ausgerechnet in den Keller des Teepots verbannen musste und Kaffee und Kuchen offenbar wichtiger waren als diese weltweite Sammlung, bleibt bis heute ein Rätsel. Naja: Erst kommt das Fressen …
Kapitän Kasten, so wurde zumindest berichtet, hatte keinen weiteren Wunsch, als dass sein Lebenswerk zusammenbleibt. Wenn eben nicht als völkerkundliche Sammlung, dann doch mindestens als seemännisches Gesamtkunstwerk. Doch auch das war ihm leider nicht vergönnt.

Seine Exponate,

die unzähligen Dinge eines Abenteuer-Lebens, wurden zerrissen, seine Einzelteile verramscht; und zwar im wortwörtlichsten Sinne – auf eBay im Internet finden sich noch heute vereinzelt Teile („aus der Sammlung Reinhold Kasten“) zu horrenden Summen und mit, zum Teil, haarstäubenden Beschreibungen.
Einem windigen Geschäftsmann war es doch gelungen, dem alten und mittlerweile schwachen Kapitän sein gesamtes Lebenswerk für kleines Geld abzuschwatzen. Als Kuriositätenkabinett diente es für kurze Zeit, Warnemündes Touristen von Ostalgie und Strandblicken abzulenken, doch irgendwann waren „die Sachen“ dem Käufer eine Art Klotz am Bein, irgendwann musste „die Notbremse“ gezogen werden.
Und so wurde ein Lebenswerk verramscht.
Der alte Kapitän Kasten bekam von diesen Dingen natürlich auch noch mit seinen 90 Jahren etwas mit und es scheint, als ob ihm diese letzte Demütigung endgültig das Herz brach.
Im darauffolgenden Jahr 2011 starb Kapitän Reinhold Kasten.
Bleibt zu hoffen, dass ihm wenigstens sein Seemannsgrab, sein Wunsch nach Seebestattung, nicht verwehrt wurde.

jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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