Am Anfang vom Ende Europas?

Während Bereiche der europäischen Finanzbranche das Votum zum britischen EU-Austritt nicht erwartet haben und den Schock nach der Brexit-Nacht noch kurieren, feierten EU-Gegner und Rechtspopulisten den Etappensieg ihres Meinungskrieges gegen Europa.

Dass einige Briten das Referendum nun juristisch anfechten wollen, da sie irrtümlich davon ausgingen, es würde nur um den Verbleib beim European Song Contest (ESC) gehen, ist natürlich ein billiges Gerücht. Tatsächlich ist nur eine knappe Mehrheit der Briten zum Lachen zumute.

Europa muss sich ändern – oder wird zerfallen

Immerhin verliert die EU ihr drittgrößtes Mitglied und erlebt derzeit ein echtes Desaster, von dem sich die Gemeinschaft so schnell nicht erholen wird. Die verantwortlichen Politiker, allen voran Angela Merkel und Jean-Claude Juncker, sind derzeit eifrig damit beschäftigt, dem Rest der Welt zu signalisieren, dass in der Europäischen Union trotz Krise keine Schäden bleiben und die verbleibenden 27 Staaten weiterhin eng zusammenstehen. Immerhin liegt Merkel jetzt richtig: Die Flüchtlingskrise ist nach dem Brexit zu einem europäischen Problem geworden. Die Einzige, die tatsächliche Gründe der EU-Gegner wagt auszusprechen, ist bedauerlicherweise ausgerechnet die Fraktionschefin der Linkspartei, Sarah Wagenknecht. Wagenknecht macht für den Zustand der EU-Lobbykratie für den Ausgang des Referendums verantwortlich: „Europa muss sich ändern oder wird zerfallen.“ Bis dahin bereiten rechtspopulistische EU-Gegner wie der Niederländer Geert Wilders und die Französin Marine Le Pen die Bestrebungen eigener Bewegungen auf den EU-Austritt vor und fordern Volksabstimmungen über den Verbleib ihrer Länder. Die Zukunft Deutschlands läßt sich dabei erst nach der kommenden Bundestagswahl und den Erfolgen der AfD abschätzen. Die Europäer sollten sich jedoch bereits jetzt darüber im klaren werden, dass Populismus und zweifelhafte politische Dilettanten die Probleme der Staaten nur vergrößern und keine Alternative zum bürokratischen Europa darstellen können. Derartige Erkenntnisse kommen aber meistens erst dann, wenn es bereits zu spät ist.

Brexit darf sich nicht zu einer Euro-Krise entwickeln

Wichtig ist jetzt, dass sich die Finanzmärkte stabilisieren, orientieren und gegebenenfalls neu aufstellen. Experten sind bereits dabei, zu beruhigen. Trotz schöner Reden kann sicher davon ausgegangen werden, dass kurzfristig das europäische Wirtschaftswachstum leiden wird, wenn auch im geringeren Umfang, als es die augenblickliche Panikmache vermittelt. Wenn jedoch durch den Brexit Investoren letztes Vertrauen in den Zusammenhalt der EU-Mitgliedsstaaten verlieren, könnte sich die Krise des britischen Pfunds zu einer Euro-Krise entwickeln. Um Großbritannien selbst sollte man sich hingegen weniger Sorgen machen. Es darf nicht vergessen werden, dass Großbritannien die letzte Großmacht Europas ist, die über eine schlagkräftige und einsatzwillige Armee, einem festen Sitz im UNO-Sicherheitsrat und über atomare Waffen verfügt. Außerdem über eine beträchtliche wirtschaftliche Stärke und politischer Stabilität. Prophezeiungen über den Niedergang des Königreichs sind, ähnlich wie im Fall der USA, maßlos übertrieben. Die größten Veränderungen wird es für die Finanz- und Versicherungsbranche geben, die ihre Produkte jetzt nicht mehr so einfach grenzüberschreitend vertreiben können.

Finanzbranche gibt sich gelassen bis panisch

Beispiel Versicherungsbranche: Der größte Versicherer Europas, die Allianz, hofft trotz der Entscheidung des britischen Volkes auf eine weiterhin enge Zusammenarbeit zwischen Inselstaat und europäischem Staatenbund.
Sorgen macht sich der Versicherer keine.
Negative Auswirkungen werden nicht befürchtet, da die Anlagestrategie des Konzerns langfristig geplant wird. „Mittel- bis langfristig erwarten wir bilaterale Vereinbarungen zwischen Großbritannien und der EU für beständige und erfolgreiche Beziehungen“, erklärte ein Sprecher des Münchener Dax-Konzerns am Freitag. Da die Kunden des Versicherers sich auf breit gestreute Investitionen verlassen können, würden kurzfristige Marktturbulenzen die Finanzanlagen nur unwesentlich treffen. „Wir bekennen uns weiterhin zu dem britischen Markt und unseren Kunden im Vereinigten Königreich“, so der Sprecher der Allianz.
Michael Menhart, Chefökonom des weltgrößten Rückversicherers Munich Re reagierte hingegen bestürzt auf das Votum der Briten: “Die Entscheidung des britischen Volkes ist ein schwerer Schlag für die EU. Sie wird die Konjunktur vor allem in Großbritannien stark belasten”, sagte Menhart in einer ersten Reaktion.

Den Brexit als „Weckruf“ verstehen

Der Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) begann an die Politik zu appellieren, den Brexit als „Weckruf“ zu verstehen. Dr. Alexander Erdland, Präsident der GDV, rief trotzdem am Freitag dazu auf, nicht in eine Art Schockstarre zu verfallen. „Jetzt gilt es, Reformen mutig voranzutreiben, die Europa zu neuer wirtschaftlicher Prosperität und politischer Stabilität führen.” Mit Blick auf den inneren Zusammenhalt und die schnell wachssenden Regionen außerhalb Europas muss die Wettbewerbsfähigkeit nun endlich gestärkt werden. Dazu gehöre auch, dass die europäischen Institutionen reformiert und der „vielfach überbordende“ Regulierungseifer endlich beendet wird. “Wenn alle Menschen von der EU begeistert sein sollen, dann müssen sie die Vorteile stärker spüren, die ein vereintes Europa in der Welt hat”, so der GDV-Präsident.
Bleibt nur abzuwarten, welche Impulse nach dem Brexit nun von Angela Merkel umgesetzt werden.
Zu befürchten ist, dass die Lektion verpufft und die europäische Politik am Montag wieder zur Tagesordnung übergeht.

Foto: Hendrik Dacquin — CC-Licence

jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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