Christian Kracht – Die Toten

Wenn Christian Kracht von seiner Frau Frauke Finsterwalder fotografiert wird, dann wirkt er meistens etwas weltfremd, gleichzeitig aber etwas amüsiert. Das Ergebnis sind dann Bilder, die ebenso gut von der belgischen Zeichnerlegende Hergé (Stichwort: „Tim & Struppi“) sein könnten. Die Coverillustrationen der Bücher Krachts schlagen genau in dieselbe Kerbe.

Zu den Gleichnissen seiner Bücher gehört der Automatismus, grundsätzlich bei den Kritiker und Rezensenten anzuecken und zu provozieren. Das musst nicht gewollt sein, sondern liegt sicherlich an den Provozierten selbst. Je linker deren Selbstverständnis, umso drastischer und unverschämter deren Behauptung, Kracht würde Deutsche Schuld und Schicksal rechtfertigen versuchen, es erklären oder relativieren wollen. Durch so lassen sich Krachts Werke höchstens deuten, wenn man sie nicht versteht. Werk und Autor werden nämlich höchstens von Dilettanten durch die Intention und Persönlichkeit seiner Figuren gedeutet. Die Größe eines Autors läßt sich nämlich tatsächlich erst im Abstand zu seinen Protagonisten erkennen. Das war schon beim Thomas Mann so und ist bei Christian Kracht nicht anders.

An Christian Krachts neuem Roman „Die Toten“ fasziniert in erster Linie die dramaturgische Struktur, die sich am Schema des japanischen No-Theaters orientiert, am Konzept des jo-ha-kiū:

„Das Essentielle am No-Theater sei das Konzept des jo-ha-kiū, welches besagt, das Tempo der Ereignisse solle im ersten Akt, dem jo, langsam und verheißungsvoll beginnen, sich dann im nächsten Akt, dem ha, beschleunigen, um am Ende, dem kiū, kurzerhand und möglichst zügig zum Höhepunkt zu kommen.“

Es geht um den interessantesten und spannendsten wirtschaftskulturellen Sektors der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der Filmindustrie. Spannend, weil sich zu dieser Zeit noch das Metier von sich selber überzeugt ist, Träume noch nicht ausgeträumt sind und die Klischees noch leben und noch nicht tot in den Schubladen einstauben.
Der japanische Ministerialbeamte Masahiko Amakasu, eine Art Filmproduzent, stellt dem Deutschen Reich als Achsenpartner die Bitte einer Kulturkooperation, eine Art „zelluloide Achse“, da Kino ja auch eine Form der Kriegsführung sei, lediglich mit anderen Mitteln. Die Deutschen, die im Gegensatz zu den Japanern in der Kunst des Kino lediglich eher eine vulgäre Volksbelustigung, eine Art kulturelles Futter für den primitiven Durchhaltewillen sehen, schicken den introvertierten Schweizer Karl Nägeli nach Japan. Es folgen geplatzte Träume und die Verwandlungen von Illusionen zu Desillusionen.

„Die Toten“ – zwischen Hollywood, Berlin und Tokyo

Christian Kracht liefert ein großartiges Werk, zeichnet mit seinen Worten die Basis pastellartiger Fantasien der Leser und produziert damit ganz großes Kopfkino. Mit mächtigen Metaphern werden Bilder gemalt, die trotz moralischer Zweifel sympathisch werden.
Ihm gelingt auch wieder glänzend, die Ideologien, Träume und sonstigen Hirngespinsten seiner Figuren zu entlarven und somit konsequent auch die Illusionen seiner Leser zu zerstören.

Dennoch wird man Kracht wieder eine Bewunderung des Faschismus nachsagen; was dieser vielleicht auch bewusst provoziert um zu entlarven. In diese Falle fallen jedoch lediglich die kleinen Geister, die Literatur mit Gebrauchsjournalismus verwechseln und sich publizistische Bedeutung nur durch marktschreierische Diffamierung sichern.

Rezensionen

SPIEGEL ONLINE sieht Christian Kracht, wen wundert es, als einen „Schweizer im Grauen“ und bezeichnet den Autor als umstritten. Immerhin wird eingeräumt, dass das Buch „ein Vergnügen“ sei. Zumindest scheint diesmal Georg Diez seinen überforderten Mund zu halten.

Denis Scheck resümiert für DAS ERSTE: „Die Toten“ von Christian Kracht ist eine lustvoll komponierte Groteske über eine Branche, die – „Kino ist Krieg“ – in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Tonfilms an gnadenloser Selbstüberschätzung leidet.“ – Nicht nur dass: Scheck besuchte Christian Kracht in Los Angeles und plauderte mit ihm über den neuen Roman:

Der Deutschlandfunk zählt das neue Werk Christian Krachts durchaus zu den ganz großen Werke und vergleicht den Autoren mit dem ähnlich mißverstandenen französischen Schriftsteller Michel Houellebecq. Der Rezensent erkennt „Die Toten“ als „ein Werk, das uns nur deshalb ins Dunkle führt, damit wir umso klarer sehen, wo das Licht herkommt.“

Ole Reißmann verfasste auf seinem Blog eine schmale, nichtssagende Rezension zu Krachts großartigem Werk und schlägt dabei in eine ewiggestrige Kerbe. Ihm fällt nichts besseres als Resumee ein, als ersthaft zu behaupten, Kracht würde es wirklich lediglich um „eine heimliche Bewunderung der Nazi-Ideologie“ gehen. Dass sich Reissmann dabei in die populistische Reihe der linken deutschen Herrenmenschen einreiht, die mit totalitärem Geschirr jede intellektuelle Deutungshoheit für sich beanspruchen, merkt er offenbar nicht. Was auch nicht weiter verwundern sollte, denn Reißmann leitet das nihilistische Onlinemagazin bento, wie er auf seinem Blog stolz bekennt. Ideologische Scheuklappen versus Objektivität; same, same…

jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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