Dennis Gastmann – Gang nach Canossa


Das Cover eines Buches sollte niemals vernachlässigt werden, ist es doch so eine Art Visitenkarte, eine erste, flüchtige Begegnung, eine Einladung zur Lektüre.

So sollte es jedenfalls sein. Wenn das Buchcover nun ausgerechnet vom Porträt des Autoren eingenommen wird, dieser also seine potentiellen Leser ziemlich aufdringlich anglotzt, ist meistens Vorsicht geboten! Denn seit einigen Jahren erfreuen Lebensbeichten und Skandälchen sogenannter B- und C-Prominenter den deutschen Buchmarkt, geradezu inflationär. Die Reportage von Dennis Gastmann – bisher vorwiegend als Fernseh-Journalist in Erscheinung getreten – über seinen Gang nach Canossa könnte so ein Beispiel sein. Könnte, wohlgemerkt, denn Gastmann stiert den Betrachter von seinem Buch keinesfalls unverschämt an, sondern vielmehr dezent über jenen hinweg. Glanz in den Abenteuer erwartenden Augen.

Der Blick ist hier legitim, wenn auch ziemlich direkt und persönlich

Unpersönlich ist dieser Bericht auch keinesfalls, wenn auch nicht ganz klar wird, wessen Sünden Gastmann mit diesem anstrengenden Fußmarsch, mehr als eintausend Jahre nach dem historischen Zug Heinrich des IV. nun eigentlich zu büßen beabsichtigt. Lediglich eine diffuse schwipp-schwapp-schwuppdiwupp-Verwandtschaft mit diesem gescheiterten Bundespräsident aus Niedersachsen wird angedeutet, skurrile Bekannte und Verwandte skizziert. Jedenfalls macht sich Gastmann von Hamburg auf gen Süden mit Ziel Italien. Per Pedes, wohlgemerkt, also fußläufig, so war es jedenfalls geplant. Er plaudert private Geschichten aus und gibt interessante Erlebnisse und Begegnungen wieder – auf seinem Weg durch die Landschaften Norddeutschlands, durch das Ruhrgebiet und an Rhein und Main vorbei, dem Saarland und dann schließlich über Frankreich direkt an das Jura-Gebirge.

Harte, anstrengende und zum Teil nicht ganz ungefährliche Wege

führen über Gebirge an den Genfer See. Durch die Schweiz und Italien schafft es der Autor, der es mit der Wahl der Transportmittel dann aber immer wieder sehr großzügig und flexibel handhabt, dann tatsächlich bis nach Canossa, südlich der norditalienischen Po-Ebene. Das Buch ist voller bunter Erlebnisse, lukullischer Abenteuer, Anekdoten und Ansätze theologischer Philosophien. Dass die Strecke wie angedeutet manchmal auch mit Bus und als Beifahrer überbrückt wurde, thematisiert der Autor übrigens ausführlich. Das ist ehrlich und auch völlig in Ordnung, war doch auch Heinrich IV. schon mit seinem Gefolge überwiegend zu Pferden unterwegs, wie sich Gastmann von ausgewiesenen Historiker sagen ließ. Die Leistung jedoch, alleine schon die schwierigen Pässe im Jura überwunden zu haben, zollt Respekt. Weniger anstrengend ist der Schreibstil, äußerst humorvoll und kurzweilig unterhält dieser tapfere Reporter. Ein Bericht zwischen Reportage und Literatur, an dem man sehr leicht festhängt. Ein kolossales Lesevergnügen.

Dennis Gastmann: Gang nach Canossa, Rowohlt Berlin, November 2012

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jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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