DIE ENTBEHRLICHEN


Andreas Arnstedt ist als erfolgreicher Schauspieler bekannt, er gab den Lukas Heitz in der Soap Gute Zeiten, schlechte Zeiten und ist seit mehreren Jahren als Bundespolizist Kai Norge in der Küstenwache zu sehen. Weniger bekannt war bisher jedoch, dass der Absolvent der „HFF Konrad Wolf“ auch weiteren Ambitionen als Filmschaffender nachgeht.

Im Kino Koki Lübeck stellte am Donnerstag der Schauspieler und Autor seinen ersten Film vor: Die Entbehrlichen handelt von der wahren Geschichte einer chancenlosen Familie, die es in unserer Gesellschaft massenhaft gibt.
Der elfjährige Jakob (Oskar Brökelmann) lebt in einem Berliner Altbau eine triste Kindheit. Vater Jürgen (André Hennicke) und Mutter Silke (Steffi Kühnert), beide arbeitslos und alkoholabhängig, scheinen sich ihrem Schicksal lange schon ergeben zu haben. Streit und Gewalt dominieren ihr Familienleben, nur selten stellen sich kleine Momente des Glücks ein. Der graue Alltag wird für den Jungen höchstens durch Oma Rosemarie (Ingeborg Westphal) aufgehellt. Da ist aber auch noch die Klassenkameradin Hannah (Kathi Hahn), die aus „gutem Hause“ kommt, aber unverdrossen zu dem Außenseiter Jakob hält. Das Scheitern ist in dieser Familie vorprogrammiert; etwa wenn der Vater als Produktionshelfer in einer Schlachterei einen vermeintlichen Gammelfleischskandal aufdeckt und dadurch den Job verliert oder der Familie die Sozialunterstützung verwehrt wird, weil sie durch einen alten Trabi, der als Blumenkübel auf dem Hinterhof steht, als „vermögend“ eingestuft werden.

Vater Jürgen

gibt nicht auf und scheint sich durch nichts unterkriegen zu lassen. Nur die Mutter ahnt, dass hier etwas schief läuft. Sie versucht, in einer Selbsthilfegruppe vom Alkohol weg zu kommen, tarnt die wöchentlichen Sitzungen vor der Familie als Gesangsstunden in der Volkshochschule. Der regelmäßige Streit um eine defekte Kochplatte lässt die Situation schließlich eskalieren. Mutter Silke kommt mit Verbrennungen in die Klinik und beschliesst, ohne Mann und Kind ein neues Leben anzufangen. Das gibt Vater Jürgen den Rest – er erhängt sich im Wohnzimmer vor den Augen Jakobs. Aus Angst, in ein Heim zu kommen, verschweigt Jakob den toten Vater und beschliesst, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen. Nach zwei Wochen bricht die Fassade schließlich zusammen, die Leiche des Vaters wird entdeckt und für Jakob beginnt ein neuer Lebensabschnitt.

Der Regisseur

erzählt ein tragikomisches Drama in Rückblenden, vom Familienalltag bis zur Katastrophe, im Stil des modernen Autorenfilms. Die Schauspieler liefern dabei eine exzellente Arbeit ab, insbesondere die Kinder, die hier zum ersten Mal vor einer Kamera standen. Matthieu Carrière verkörpert den Hofbewohner Gerhard Rott, ein verwirrter Holocaust-Überlebender, der auf dem Hinterhof in einer alten Garage lebt und sich gegen die durchsichtigen Entmietungsversuche eines Immobilienmaklers (Marc Bischoff) wehrt. Andreas Arnstedt hielt den dankbaren Carrière aus der berühmten Schublade heraus und ermöglichte ihm, jenseits gewohnter Rollen zu agieren. Für Carriére die beglückensten Produktionsmomente der letzten zwanzig Jahre.

Nach dem Abspann

wurde es dann erst einmal still im Kommunalen Kino. Trotz komischer Momente ist dieser Film keine leichte Kost. Andreas Arnstedt hätte Verständnis dafür gehabt, wenn das Lübecker Publikum verzichtet hätte, mit ihm über diesen Film zu sprechen. Einige Zuschauer, so ist seine Erfahrung, würden diesen Film lieber erstmal verdauen. Manche müssten sich über die Tatsache bewußt werden, dass Jakobs Familie nur ein Beispiel von tausenden Familien ist, die in der Hartz-4-Tretmühle festsitzen und anstatt dort heraus zu kommen, immer tiefer in das soziale Elend hinunter rutschen. Chancen- und würdelos, abgeschrieben als „Entbehrliche“.

Das Publikum

im halb gefüllten Kommunalen Kino hatte allerdings so manche Fragen an den Drehbuchautor, Produzent und Regisseur von Die Entbehrlichen. Und Andreas Arnstedt hatte einiges zu erzählen, zur Entstehung seines Filmes, vergeblichen Versuchen, Filmförderung für seine Produktion zu bekommen, über die Dreharbeiten und seine Schauspieler und natürlich über seine Motivation, den vergessenen Antihelden unserer Gesellschaft eine Stimme zu geben.

Und es scheint fast schon grotesk, dass die Filmförderung nicht bereit war, in diesen Inhalt zu investieren. Eine Entscheidung, die mittlerweile von den Verantwortlichen eventuell bitter bereut wird – der Streifen fuhr bisher zahlreiche Auszeichnungen ein. Neben mehrfachen Auszeichnungen auf dem LA Movie Awards (bestes Drehbuch, beste Regie, beste Kamera und André Hennicke als bester Darsteller) regnete es weitere Preise aus den USA, aus China, England, Brasilien und auch aus Deutschland. Zu Recht. Denn dieser von Arnstedt aus privaten Mitteln finanzierten Produktion sieht man das „No-Budget“ keinesfalls an.

Es sind zahlreiche Gründe vorhanden, sich diesen Film anzusehen.

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jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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