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Die Ursprünge des Stress

Immer mehr Arbeitnehmer fühlen sich getrieben, gestresst, in Zeitnot und stets bedroht von "Burnout" und anderen Zusammenbrüchen.

Die Ursprünge des Stress

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Immer mehr Arbeitnehmer fühlen sich getrieben, gestresst, in Zeitnot und stets bedroht von „Burnout“ und anderen Zusammenbrüchen.

Dabei ist der Stress kein Phänomen unserer Zeit.

Nebenprodukt Stress

Die Geschichte des Stress begann bereits mit dem gesellschaftlichen Wandel des 18. Jahrhunderts. Die Industrialisierung sorgte nicht nur für wirtschaftlichen Anschub, sondern veränderte die Menschen nachhaltig – in ihren Arbeitsgewohnheiten, ihrer Zeiteinteilung. Haben sich Gesellschaften zuvor durch die Gesetze der Natur, durch Epidemien, Kriege und Dürren verändern und anpassen müssen, entstand nun das Prinzip einer kapitalistischen Gesellschaftsprägung, die sich ihrer Wirtschaft und dem Stand ihrer Technologien unterwerfen und anpassen musste. Bald wollte jeder von der Erkenntnis profitieren, mehr zu gewinnen, als eingesetzt wird: „Zeit ist Geld“ wurde der Leitspruch dieser Ära. Künftig galt es, in weniger Zeit mehr Produkte zu produzieren. Der dadurch entstehende individuelle Druck wird bis heute als „Stress“ interpretiert.

Weg = Ziel

Aber nicht nur die technische Entwicklung beeinflusste die Wirtschaft, auch die Wissenschaften trugen ihren Anteil zur Entwicklung einer Gesellschaft. Zu allen neuen Entdeckungen kamen immer neuere Fragen dazu. Galt bisher Bildung als ein Gut weniger Gelehrter, die von Generation zu Generation weitergegeben wurde, entstand durch die Industrialisierung neue Ansprüche und eine neue Dynamik. Bildung konnte nicht länger altes Wissen konservieren, sondern musste sich künftig einem intellektuellen Wettstreit unterwerfen, um Bisheriges zu überbieten. Schließlich setzte sich die Überzeugung durch, dass ein gesunder Bestand nur möglich ist, wenn in Wachstum, Veränderung und Beschleunigung investiert wird. Wachstum wurde zu einem strukturellen Anspruch – auch wenn die Ziele verborgen sind. Der Weg ist das Ziel.

Zeitgewinne sind relativ

Der Gewinn dieser Entwicklung lässt sich auf einen Nenner bringen. Hinter dem Gleichheitszeichen der Erfolgsformel der Moderne steht der Zeit- und Komfortgewinn. Entweder wir gewinnen Zeit, Geld (=Komfort) – oder beides. Wer in dieser Welt erfolgreich ist, verfügt allerdings nicht über mehr Lebenszeit, sondern leidet mit Zunahme des persönlichen Erfolges sogar unter Zeitknappheit. Denn analog zum Zeitgewinn durch neue Produktionsmöglichkeiten, neue Kommunikationsformen oder aufgrund einer strukturierten Arbeitsweise nimmt die Aufgabenmenge stets zu. Plötzlich werden morgens dreimal so viele Mails bearbeitet, als zuvor – und wir verbringen dreimal so viel Zeit in Autos und Flugzeugen, als vor der Digitalisierung.

Optimales Leben hinterfragen

Gleichzeitig wachsen aber auch die Möglichkeiten und Optionen des ganzen Lebens. Je mehr Technik, umso mehr Möglichkeiten, flexibel zu reagieren – auch wenn das Berufsleben kaum noch vom Privatleben zu unterscheiden ist. Wer überall und jederzeit kommunizieren kann, nutzt dies auch überall und jederzeit. Plötzlich erkennen wir die Quellen unseres persönlichen Stresses als Bedingung für ein gelungenes Leben – je intensiver wir das Gefühl haben, im Mittelpunkt unserer Welt zu stehen. Wenn dann Zeitknappheit auch noch als Erfolgsparameter missverstanden wird, kann sich schnell ein Suchtverhalten entwickeln. Wenn nämlich eine Gier nach Interaktionen entsteht, nach immer mehr Möglichkeiten und Ergebnisepisoden, die wir für die Grundlagen eines „optimalen“ Lebens halten.

Qualität – nicht Quantität

Die permanente Vermehrung von Optionen stellt allerdings keinen Zugewinn an persönlicher Freiheit dar. Ein Gewinn stellt sich erst ein, wenn die vorhandenen Wahlmöglichkeiten realisiert, erkannt und schließlich nachhaltig getroffen werden. Das kulturelle Glück hängt also nicht von einer Fülle an Wahlmöglichkeiten ab, sondern an der Konsequenz und Art der Umsetzung vorhandener Möglichkeiten. Wer eine Segeljacht nur besitzt, verfügt vielleicht über ein Statussymbol, das für Neid und Ansehen sorgt. Damit es dann aber nicht beim damit verbundenen Stress bleibt – durch die hohe Anschaffung, Unterhaltungskosten, einem extremen Wertverlust – sollte die Möglichkeit eines erholsamen Mitternachtstörn genutzt werden. Erst dann, wenn eine vorhandene Wahlmöglichkeit konsequent genutzt wird, stellt sich der stressreduzierende Mehrwert ein.

Was treibt uns an?

Jedoch sorgt die persönliche Gier dafür, sich um die Mehrung von Optionsmöglichkeiten zu kümmern. Trotz jeglicher Erkenntnis sind wir damit beschäftigt, uns immer mehr Mittel und Möglichkeiten zur Verfügung zu stellen, für mehr Zeitknappheit zu sorgen und somit unseren persönlichen Stresslevel immer höher einzustellen. Dabei muss uns bewusst sein, dass unsere Gier von der tiefen Existenzangst des Unterbewusstseins gesteuert wird. Uns ist schließlich bewusst, sterbliche Wesen zu sein. Der Trieb nach Wachstum überlagert unsere Existenzangst, mit dem Leben nicht mehr mithalten zu können. Die Angst, abzurutschen und zurückzustehen. Wir entwickeln den sinisteren Plan, das Leben zu dehnen, um dem Tod auszuweichen. In der Hoffnung, durch Beschleunigung des Lebens immer mehr zu erleben, schneller zu reisen, intensiver zu konsumieren und vielfacher zu produzieren vermuten wir die Glücksformel. Und durch die Beschleunigung der Digitalisierung seit Ende der Neunziger Jahre hat dieser radikaler Perspektivenwechsel dazugewonnen.

Druck nimmt zu

Gesellschaftlich hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass der technokratische Glauben an Wachstum und Beschleunigung ökonomische und politische Krisen verhindert. Selbst linke Kapitalismuskritiker haben erkannt, dass ohne Vorhandensein kapitalistischer Wirtschaftsordnungen die Dritte und Vierte Welt hoffnungslos verloren wäre. Die Erkenntnisse und Ziele der Globalisierung sorgen nicht nur für eine Akzeptanz unserer ungesunden Lebensform, sondern für eine Notwendigkeit. Wir versuchen nicht, unser Wachstum zur Mehrung des gesellschaftlichen und individuellen Wohlstandes zu erhöhen, sondern um Krisen und Depressionen zu vermeiden. Der Druck nimmt also zu.

Stress führt zur Arbeitsdepression

Die These, Burnout würde durch eine Überbelastung an Arbeit entstehen, wurde aktuell glänzend widerlegt. In der Nachkriegszeit, in denen harte Arbeit und karges Einkommen flächendeckend vorhanden war, gab es kaum Krankheitsbilder, die mit den zeitgemäßen Burnout-Symptomen vergleichbar wären. Psychologen machen das daran aus, dass es damals „Zielhorizonte“ gab, über die Beschäftigte verfügten. Man baute schließlich ein Land neu auf und verfügte über Vorstellungen, wie es nach der ganzen Arbeit aussehen sollte. Heute sieht es da anders aus: Optimierung und Wachstum kennt keine „Zielhorizonte“. Von daher ist ein klassischer Burnout auch durchaus mit einer „Arbeitsdepression“ zu erklären. Wer jährliche, monatige, wöchentliche und tägliche Ziele verfolgt, verfügt über eine gute Strategie, Stress und Burnout aus dem Weg zu gehen.

 

Foto: therealcicero / PIXABAY

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