WISSENSCHAFT

und Psychologie

Digitale Gefahren erkennen

Dass die zunehmende Digitalisierung auch ihre Schattenseiten hat, dürfte bekannt sein. Doch Probleme und Gefahren gehören zum technologischen Wandel. Analyse, Anpassung und Veränderung sind aber Bestandteile eines jeden Entwicklungsprozess. Doch nicht nur die Technik muss dem Leben angepasst werden.

 

Auch der Mensch muss lernen, wie mit der Digitalisierung umgegangen werden sollte.

 

Digitalisierung verändert uns

 

Durch eine in allen Lebensbereichen zunehmende Digitalisierung verändern sich Gesellschafts-, Umgangs- und Kommunikationsformen. Doch nicht alles ist fortschrittlich und „gut“. Es sind große und kleine Veränderungen, die zu Verwerfungen führen. So gefährdet ein zunehmender Umgang mit digitaler Technik auch unsere Gesundheit: Wer ständig auf Displays starrt, hat zunehmend Schwierigkeiten, seine natürliche Umgebung ungetrübt wahrzunehmen. Dabei sind es keinesfalls nur die Kinder, die ihre Freizeit ausufernd vor dem Tablet, Smartphone und der Konsole verbringen. Mittlerweile sind es immer mehr Eltern, die von ihren Kindern aufgefordert werden, ihr Handy wegzulegen.

 

digitales Gift?

 

Wie sich die Persönlichkeiten beim ungeregelten Umgang mit Apps und sozialen Medien verändern, wird erst in einigen Jahren deutlich. Sicher ist, dass im Umgang mit digitalen Geräten die Konzentration abnimmt und bei zunehmender Verlagerung des Lebens auf Plattformen wie Facebook und Instagram das individuelle Geltungsbedürfnis zunimmt. Fachleute fordern deshalb, Verfahren zu entwickeln, damit sich Digitalisierung nicht zu einem süchtig machenden Rauschgift entwickelt.

 

Ist „Digital Wellbeing“ Internet 3.0?

 

„Digital Wellbeing“ („digitales Wohlbefinden“) soll helfen, damit der Fortschritt nicht zu einem Rückschritt wird. Für dieses Ziel ist aber nicht nur die Industrie, sondern besonders die techniknutzende Gesellschaft gefragt. Erkannt haben dies bereits schon die großen Tech-Unternehmen wie Google, Apple und Facebook, die schon länger an technischen Möglichkeiten arbeiten, das Nutzerverhalten zu analysieren, auszuwerten und durch den Nutzer selbst zu begrenzen.

 

Monitoring hilft Nutzern mit Disziplin

 

So bietet das aktuelle Apple-Betriebssystem iOS12 mit der App „Bildschirmzeit“ (als Menüunterpunkt unter den Systemeinstellungen) Statistiken, wie viele Stunden und mit welchen Apps der Tag am eigenen Handy genutzt wurde. Und mit Funktionen die Möglichkeit, unsere eigene Nutzungszeit einzuschränken oder auch Anrufe und Mails für bestimmte Zeitfenster teilweise oder gänzlich zu unterdrücken. Auch soziale Medien wie YouTube und Instagram bieten solche „Monitoring“-Funktionen an, andere wollen nachlegen. Allerdings kommt es dabei natürlich immer auf die Disziplin und Selbsterkenntnis der Nutzer an.

 

Anreize für Offline

 

Studenten in Norwegen und Großbritannien erhalten Anreize, ihr Handy in der Tasche zu lassen. Apps kontrollieren dabei das Nutzerverhalten und vergeben „Ruhepunkte“ für digitale Inaktivität. Diese Punkte lassen sich dann in Kinokarten und andere attraktive Prämien umtauschen. Damit soll erreicht werden, dass sich die Studenten konzentrierter mit ihren Lehrstoffen auseinandersetzen und sich intensiver mit ihren Kommilitonen auseinandersetzen.

 

Digitale Kompetenz bereits als Schulfach

 

Fraglich nur, warum nur Universitäten etwas erkannt haben, was offensichtlich am Schulwesen bisher völlig vorbei ging? Weshalb die gesellschaftliche und kulturelle Herausforderung digitaler Ausgeglichenheit nicht bereits von Pädagogen begriffen wurde – schließlich besteht das Problem des technischen Suchtpotenzials insbesondere bei Kindern und Heranwachsenden. Sollten deshalb nicht die ersten Seiten eines digitalen Regelwerkes bereits in den Grundschulen aufgeschlagen werden? Nicht in Form autoritärer Sanktionen, sondern durch Aufklärung und Handlungskompetenzen, durch Eigenmotivation die Nutzung von Handy, Tablett und PC zu begrenzen und digitale Impulse zu erkennen, bevor ihnen nachgegeben wird. Kein Wunder also, dass sich die ersten Probleme im Internetverhalten junger Menschen als mangelnde Medienkompetenz herausstellten.

 

Nicht zu spät

 

Doch wird es nicht ausreichen, die Definition des digitalen Wohlbefindens den Konzernen zu überlassen. Denn handelt es sich auch um Fragen staatlicher Verantwortung und Pflicht – auch wenn momentan offensichtlich ist, dass Staat und Regierung allgemein mit dem Thema Digitalisierung überfordert sind. Aber auch Versicherungen scheinen die digitale Wellness als Aspekt der Gesundheitsvorsorge noch nicht erkannt zu haben. Umso wichtiger ist es deshalb, jetzt zu erkennen, dass das digitale Zeitalter noch jung und formbar ist. Wenn jedoch erst der Nutzen der Digitalisierung mit den dadurch entstandenen langfristigen Schäden für Gesundheit und Geist aufgerechnet wird, ist es zu spät.