Finsterworld

Eine Finsterworld: Da sind Schüler einer offensichtlichen Eliteschule auf dem Weg zu einem Konzentrationslager (großartig: Carla Juri als Nathalie), ein Einsiedler (Johannes Krisch) scheint mit sich und der Natur im Einklang, ein gelangweiltes Ehepaar (Corinna Harfouch und Bernhard Schütz) ist im Leihwagen auf dem Weg nach Paris. Und da sind die komplizierten Liebesgeschichten zwischen einer frustrierten Dokumentarfilmerin (Sandra Hüller) und eines korrupten Polizisten (Ronald Zehrfeld) und dem Fußpfleger Claude (der grandiose Michael Maertens) und seiner einsamen Patientin (Margit Carstensen) aus dem Altenheim. Verbunden sind diese Figuren nicht nur durch Familienbande oder Zufälligkeit, sondern durch ihr gemeinsames Schicksal als Deutsche.

Sie leiden, ob am Alltags-Faschismus, aus inhaltsloser Hilflosigkeit, an ihrem depressiven Intellekt, durch die Last des historischen Schicksals oder aber aufgrund der emotionslosen Oberflächlichkeit ihres Umfelds, alle an ihrer persönlichen Identität in einer düsteren Finsterworld. Die drückende Glocke der gemeinsamen Geschichte schwebt über allen und über alles Deutsche und verhindert jegliche Entfaltung durch Erinnerung an der kollektiv verschuldeten Perversion der Grausamkeit. Doch die Protagonisten wollen sich ihrem Schicksal nicht stellen. „Mein Opa war im Widerstand“, hört deshalb Lehrer Nickel vom naßforschen, blonden Musterschüler, als er an die Leichenberge im KZ und an die Schuld der Großväter erinnert. Und weil diese kollektive Schuld so erdrückend ist, wird sie von jedem als Ekelgefühl abgelehnt. Wie der Schorf einer Wunde, an der stetig herumgekratzt werden muss. So ist Claude von den absurden Strophen deutscher Volkslieder angeekelt, die er beständig vor sich hin summt, um sich dann zu fragen, ob man als einziger so denkt und fühlt.

Die Ausbruchsversuche

enden fast gänzlich in Katastrophen, lediglich die Dokumentarfilmerin, die übrigens unverkennbar stellvertretend für die Finsterwalder steht, findet sich am Schluss in der afrikanischen Savanne wieder und resümiert, dass die Welt ohne Menschen doch wesentlich schöner sein könnte. Ein friedliches Ende dieses Heimatfilms deutscher Befindlichkeiten.

Frauke Finsterwalder, die bisher mit Dokumentationen in Erscheinung trat, realisierte diesen Film nicht nur, sie entwickelte auch das Drehbuch, gemeinsam mit ihrem Ehemann Christian Kracht, dem größten deutschen Exil-Autoren unserer Zeit. Es geht dabei weniger um die Protagonisten, sondern vielmehr um die Deutschen und ihren programmatischen Selbsthass.

Das Ehepaar Finsterwalder/ Kracht reflektiert aus sicherer Entfernung, das Autorenehepaar lebt und arbeitet überwiegend in Südwest-Afrika. Das schafft Distanz und Klarheit. Beide beschäftigt das deutsche Schicksal nach Auschwitz; und zwar nicht die Frage, wie es dazu kommen konnte, sondern vielmehr, wie es danach weitergehen kann.

 

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jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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