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Luxus am linken Ufer der Seine

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Berliner Novelle
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„Charlie Chaplin! Mister Chaplin ans Telefon, s´il vous plais“! Wer hier einen Anruf erhielt, wurde im ganzen Salon laut ausgerufen. Manchmal auch nach James Joyce oder Pablo Picasso. Es hatte allerdings niemand angerufen und die Ausgerufenen waren auch überhaupt nicht anwesend. Nicht, dass Chaplin, Joyce oder Picasso niemals dort angetroffen werden konnten, nur zu diesem Zeitpunkt waren sie nicht da.

Es sollte nur der Anschein erweckt werden, dass deren Anwesenheit hier, im Hotel Lutetia in Paris, etwas völlig Alltägliches war.

 

Konspirative Hotelgäste

 

Heinrich Mann traf man auch dort, so etwa Mitte der Dreißigerjahre. Dass Mann im Salon des Hotels ausgerufen wurde, wäre allerdings sehr unwahrscheinlich gewesen, schon alleine aus Gründen der Konspirativität. Der Bruder des Nobelpreisträgers versuchte, im Salon Président die Treffen des sogenannten „Lutetia-Kreis“ zu koordinieren, einer Vereinigung antifaschistischer Intellektueller. Ein Kreis der wenig Interesse hervorrief und vermutlich auch deshalb heute völlig vergessen ist. Vier Jahre später wurde das Hotel Lutetia dann von den deutschen Besatzern beschlagnahmt, die im ersten Obergeschoss die Abteilungen der Abwehr und Gegenspionage des Nachrichtendienstes der Wehrmacht installierten.

Hallen der Halbtoten

 

Nach dem Krieg diente das Haus als Basis für die heimkehrenden Überlebenden aus den deutschen Konzentrationslagern. Als Ort für die wichtigen Tage des Übergangs. Und als Szenerie tragischer Selbstmorde, nach dem vergeblichen Warten und Hoffen auf Familienangehörige. Die Chanson-Ikone Juliette Gréco fand in der Halle des Lutetia Mutter und Schwester. Für eine Pariser Zeitung die „Hallen der Halbtoten“.

 

Viel Geld für viel kostenloses

 

Anschließend kamen wieder die Künstler, Schriftsteller, Medientreibende: Pierre Bergé, Serge Gainsbourg, David Lynch. Und dennoch ahnen vielen nicht, wie viel Geschichte an den Wänden des Hauses klebt. Nach dem umfangreichen Umbau fällt es auch nicht leicht, die Historie riecht nicht mehr. Ein Luxushotel, wie es in der Gegend von Saint Germain-des-Prés viele gibt, denkt man. Wenn auch ein ikonisches Luxushotel. Insgesamt gibt es 184 Zimmer, 40 Suiten und 7 Signature-Suiten, die alle ihren stolzen Preis haben. Dafür ist WLAN inklusive Nutzung von Bluetooth-Anlagen von Bang & Olufsen inklusive. Kostenlos sind auch die Hermés-Pflegeprodukte, mit denen die Marmor-Bäder ausgestattet sind.

 

Pariser Institution

 

Rund 200 Millionen Euro flossen in die Renovierung, die von dem Architekten Jean-Michael Wilmotte geplant wurde. Mit weniger Zimmern, dafür mehr Personal möchte Generaldirektor Jean-Luc Cousty versuchen, nicht nur Touristen etwas exklusives zu bieten. Als einziges Luxushotel auf dem linken Seineufer ist das Haus traditionell auch für Pariser und Pariserinnen eine traditionelle Institution. Wenn auch die Entscheidung, auf der Karte des Restaurants die Bouillabaisse, die Traditionssuppe aus der Provence, aufzunehmen, auch für verstimmte Kritik gesorgt hat.

Wenigstens hat auch nach der Renovierung das Hotel seinen Art noveau Charakter behalten, die Bar befindet sich, Gott-sei-Dank, auch immer noch im Stil des Art Déco. Die Fassade wurde von Paul Belmondo gestaltet, der Vater des französischen Schauspielers Jean-Paul Belmondo, womit sich auch äußerlich zwei Ikonen bedingen. Übrigens: die Kellerräume, in denen die Gestapo Mitglieder der Résistance folterte, lassen sich nicht besichtigen. Dafür ist die Chance nicht aussichtslos, in der Bar eventuell Gérard Depardieu zu treffen. In Russland, so munkelt man, ist er seltener. Da gibt es kein Hotel Lutetia.


info

Hotel Lutetia

45 Boulevard Raspail
Paris, 75006 FR
+33149544600


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