„Meine Reime sind recht teuro: Per Vers kassier ich tausend Euro“

Das deutsche Comedy-Urgestein Otto Waalkes ist ein Phänomen. Seit nunmehr 52 Jahren turnt, hüpft, singt, lacht und zitiert dieser kleine, dünne Ostfriese auf den Bühnen dieser Republik lustige Reime – und füllt dabei immer noch Hallen und Sendeplätze. Aber so ist das eben mit echten Künstlern – die Größten sind meistens die Kleinen.

Aber Otto ist mehr als nur ein Comedy-Veteran. Er ist Zeichner, Maler, Filmemacher, Dichter, Autor, Schauspieler und Synchronsprecher. Die ältesten, jene durch die berühmten 68er Jahre geprägten Publikumsangehörigen kennen ihn ihr Leben lang durch Ottos Filme und Otto-Shows. Die jüngsten seiner Fans lernten ihn kennen als Stimme des Faultiers Sid aus den Ice Age-Filmen, oder als Bubi aus „Die 7 Zwerge – der Wald ist nicht genug“. Das ausgerechnet kleine Kinder Otto kennen und lieben, ist dabei ein Phänomen für sich. Otto erklärt es sich damit, dass die Kinder spüren, dass er einer von ihnen ist.

„Kinder glücklich zu machen ist mein pädagogischer Auftrag. Ich hab doch Kunstpädagogik studiert.“

Aufgewachsen ist Otto Waalkes gemeinsam mit dem älteren Bruder Karl-Heinz in der Emder Arbeitersiedlung Transvaal als Sohn eines Malermeisters und seiner streng-gläubigen Frau. Die Erziehung schien nach eigenen Angaben liberal und geprägt durch Toleranz und Liebe.

Ottos Karriere begann ziemlich früh, nämlich im Emdener Kaufhaus Hertie, als der kleine, 11jährige „Ottilie“ (wie er sich später selbst nennen sollte) im Rahmen eines Kindermusikwettstreits den „Babysitter-Boogie“ zum Besten gab – und damit das Buch „Meuterei auf der Bounty“ und einen Gutschein über dreißig Mark (heute etwa 50 Euro) gewann, was 1959 nicht gerade wenig Geld war. Diese Initialerkenntnis, dass die eigene Kunst auch etwas einbringt, schien die erste, wichtige Prägung für ihn gewesen zu sein.
Wirklich Ernst genommen wurde Otto bereits zu dieser Zeit weder im Kindergarten, noch in der Grundschule; auch wenn Zeitzeugen darüber heute gerne hinwegsehen. Als Kleinster der Klasse versuchte er dies aber durch Gitarrenspiel und Blödsinn zu kompensieren. So saß er dann auf dem Schulhof herum, klampfte, sang und machte Faxen, was ihm dann immerhin bewundernde Blicken der älterer Mädchen einbrachte.

„Die schlimmsten drei Jahre meiner Schulzeit flogen an mir vorbei. Die erste Klasse!“

Mit 14 gründete Otto dann gemeinsam mit den besten Freunden „The Rustlers“, eine Beat-Band, die 1962 einen absolut zeitgemässen Sound probierte und sogar heute noch innerhalb Ostfrieslands als legendär gilt. Die Band war regional ziemlich erfolgreich und wurde eifrig für Scheunenfeste und Kneipen gebucht, was einen 15-jährigen eher für Probleme mit den Eltern sorgte. Die Familie Waalkes stellte jedoch den älteren Bruder als Bezugsperson ab. Karl-Heinz, der heute als Bauingenieur im Ruhestand Ottos eigenes Museum, das Emdener „Otto Hus“ leitet, ist gerne mitgefahren.

Aber irgendwann wurde Ostfriesland viel zu klein und Otto landete nach dem Abitur 1968 in Hamburg, gemeinsam mit einem Freund aus Emden – schließlich hatten die ostfriesischen Jungs keine Ahnung von der großen Stadt in diesen bewegten Zeiten. Die Aufnahme an der Hochschule für bildende Künste, der berühmten HfbK am Lerchenfeld, funktionierte, denn neben der Musik war Zeichen die zweite große Begabung. In Hamburg zog es ihn nun erneut auf die Bühnenbretter. Im legendären Folk-Club „Danny´s Pan“ kam es dann zum allerersten Solo-Auftritt. Eigentlich wollte Otto dort hin, wo Reinhard Mey, Alexandra, Jacques Brel oder Georges Brassens bereits waren – wäre ihm jedoch nicht immer das Mikrophon aus der Standhalterung gefallen. Seine eingeworfenen Entschuldigungen, er sei doch ziemlich aufgeregt und überhaupt, begeisterte allerdings das Publikum wesentlich stärker als seine gesanglichen Darbietungen – was der Kunststudent sehr schnell erkannte, seine Schlüsse zog und diese Potenz innerhalb kürzester Zeit ausbaute. Denn der Weg war das Ziel und in diesem Fall war es Otto wichtiger, vom Publikum akzeptiert und geliebt zu werden anstatt sich einen zweifelhaften Olymp mit vermeintlichen Vorbildern zu teilen.
Ulf Krüger – Publizist, Musiker und damals Ottos Kommilitone an der Hamburger Hochschule für bildende Künste – war ein Experte für Multitalente und erkannte sofort Ottos Potenzial. Krüger, der damals Bassist der Hamburger Szeneband Leinemann war, brachte ihn schließlich das erste Mal ins „Onkel Pö“, einer Eppendorfer Musikkneipe, und verpflichtete ihn für 100 Mark als Vorprogramm seiner Band. Was später dann als eine Art Fehler eingeräumt wurde, denn wo Otto wirkte, hatten es Leinemann anschließend schwer.

Nach wenigen Monaten zog Otto mit leichtem Gepäck in ein kleines WG-Zimmer der später berühmt-berüchtigten Künstlervilla „Kunterbunt“ ein. Hier gründete kurz zuvor der legendäre Musikproduzent Conny Plank einen Musikverlag und die legendäre Wohngemeinschaft, die von den (später bekannten) Mitbewohnern Udo Lindenberg, Marius Müller-Westernhagen, Gottfried Böttger und vielen anderen bewohnt wurde. Für Otto ein kreativer Biotop, der auch für seine Karriere prägend sein sollte. Dort entwickelte er aus dem Chaos heraus Figuren wie Harry Hirsch oder Kommissar Kringel – inspiriert übrigens durch die Alliterationen Udo Lindenbergs – und schmiedete Pläne für die ersten Auftritte. Und die folgten dann auch ziemlich schnell.

„Und was besonders schön war: Es gab nie Neid zwischen den Leuten“

Und trotz den alternativen Ansprüchen entwickelte sich dort ein ganz eigener Kommerz: Die Konzerte der WG-Musiker wurden auf eigene Kosten mitgeschnitten, gepresst und auf im Selbstvertrieb verkauft. Dabei lernte Otto seinen späteren Freund und Manager Hans-Otto Mertens kennen und schätzen – eine fruchtbare Partnerschaft, die bis heute anhält.
Ottos Komik basiert aber nicht nur auf simplen Reimen innerhalb eines relativ niedrigen Niveaus, sondern auf lyrischer Kunst der sogenannten „Frankfurter Schule“. Seine Programme werden ihm seit den siebziger Jahren vom legendären GEK-Kollektiv auf den Leib geschrieben: Robert Gernhardt, Bernd Eilert und Pit Knorr, die Gründer des Satiremagazins „Titanic“. Intellektueller Quatsch, der für die Masse verständlich gemacht wird und dessen Niveau für diesen Zweck gesenkt werden muss. Gernhardt, der sich 2006 nach einer Krebserkrankung auf dem Frankfurter Hauptfriedhof zurückgezogen hat, wird vermisst, aber vom Rest der Gruppe, die auch bei Ottos Büchern und Filmen die Texte baute, würdig vertreten. Otto selbst sieht sich als Mit-Autor und Allein-Interpret.

„Spaßmachen ist gar nicht mein Beruf. Ich mache nur Kohle damit. Aber das macht Spaß.“

Das deutsche Feuilleton streitet sich indes, ob es sich bei „Otto“ gar um eine Persönlichkeit oder eine Kunstfigur handelt. Und versucht nicht selten, seine Kunst als „Pippi- und Fäkalhumor“ zu zersetzen. Und wenn dies nicht zieht wird moniert, dass in seinen Filmen und aktuellen Programmen nur wenig Neues eingebaut wird – ohne sich darüber zu wundern, dass bei Otto allerdings auch die ältesten Gags noch funktionieren und sogar vom Publikum erwartete werden. Peinlich war dabei höchstens die Hommage im Fernsehen anlässlich Ottos 50-jährigen Bühnenjubiläum – was aber weniger an Otto, sondern vielmehr an den Quotensüchtigen Machern dieser Show lag.

„Willst du dir den Tag versauen, musst du deutsches Fernsehen schauen.“

Freunde berichten, dass Otto über einen krampfhaften Drang verfügt, allen gefallen zu wollen – auch dann, wenn manche dadurch annehmen, ihn zu besitzen. So offen sich Otto Waalkes seinen Fans hingibt, so wenig ist hingegen über sein Privatleben bekannt. Er war zweimal verheiratet, hat einen erwachsenen Sohn und die Scheidung von seiner letzten Frau soll ihm sehr zugesetzt haben. In der Öffentlichkeit lässt er sich seitdem höchstens mit Freunden wie seinem Manager Hans-Otto Mertens oder seiner hübschen Assistentin Linh Lu blicken.

„Wenn ich nicht regelmäßig am Flughafen auf Waffen untersucht werden würde, hätte ich überhaupt kein Sexualleben mehr.“

Besitzen lassen sich hingegen viele Dinge von, mit oder über Otto: Filme, Bücher, CD´s und unzählige Accessoires mit seiner Unterschrift oder dem nicht minder berühmten, von Otto persönlich kreierten „Ottifanten“. Denn „Otto“ ist in jedem Fall eine erfolgreiche Marke – in jeglicher Hinsicht.

jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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