Stefan aus dem Siepen – Das Seil

Durs Grünbein meinte einmal, Stefan aus dem Siepen würde unbedingt in die erste Reihe unter den deutschen Erzählern gehören. Ob Grünbein wohl richtig liegt?

Die aktuelle Erzählung Das Seil sollte sich dann lohnen. Ein Walddorf in vergangenen Zeiten. Fast gänzlich abgeschieden führen die bäuerlichen Dorfbewohner ein eintöniges, aber auch zufriedenes Leben. Bis plötzlich eine Banalität das Schicksal des Dorfes und seiner Bewohner bedeutend verändern wird. Bernhard nämlich, einer der Bauern, stolpert auf einer Wiese über das Ende eines Seiles.

Ein Seil

auf das sich niemand der Dorfbewohner einen Reim machen kann, auch die handwerkliche Verarbeitung scheint unbekannt, was aber viel merkwürdiger ist: Dieses Seil ist nur ein Endstück und führt direkt in das Dickicht des düsteren Waldes. Für den Protagonisten und einer handvoll Männer, man ahnt es bereits, stellt dieses Seilende den Anfang dar, wo geht es also hin, wo kommt es her? Und wer legte dieses Seil aus?

Um eben diese Fragen zu klären vernachlässigen die Männer des Dorfes nicht nur ihr existenzielles Tagewerk, sondern begeben sich auf eine Expedition. Doch das jenseitige Seilende kommt nicht in Sicht, schier endlos schlängelt sich das Seil durch Wälder und Landschaften. Und so wird auch die Wanderung zu einem endlosen Unternehmen, aus Stunden werden Tage, dann Wochen. Der Proviant reichte nur kurz, schnell geht es ans Eingemachte. Aus Familienväter und Ehemänner werden rücksichtslose Glücksjäger, geeint höchstens noch durch Hoffnung und Gier. Es kommt zu Toten. Nicht nur für die zurückgelassenen Frauen und Kinder, die voller Sehnsucht auf Rückkehr hoffen und warten, wird das Seil zu einem Schicksalssymbol. Auch die Männer glauben längst nicht mehr daran, ihre Angehörigen jemals wieder zu sehen.

Auf den 176 Seiten

des dritten Romans des Schriftstellers, Juristen und Diplomaten Stefan aus dem Siepen verbildlicht sich in düsterer Atmosphäre eine Parabel über Versuchungen und Schwächen menschlicher Natur. Unweigerlich kommt der Leser in Versuchung, die Dinge hinter der Symbolik zu interpretieren. Könnte die dörfliche Gemeinschaft für die Gesellschaft der Gegenwart stehen, die von Seilschaften skrupelloser Vorstände und Banker abgehängt und aufgegeben wird? Steht das Seil vielleicht für den Weg ohne Ziel – für die Sucht nach grenzenlosem Wachstum, immer weiter, immer höher? Wie auch immer: Die Gier und andere menschliche Defizite führen zwangsläufig zu Kriegen, Wirtschaftskrisen oder anderen Katastrophen.

Die Figuren wurden vom Autor ziemlich nüchtern beschrieben, die Atmosphäre ist trotz einiger Lichtblicke düster. Doch bestehen diese Stilmittel völlig zu Recht, außerdem gewinnt die Erzählung durch eine klare und dichte Beschreibung an Größe. Zweifellos ist dem Autor mit seinem Werk etwas Großes gelungen, wenn es auch nicht unbedingt ein Meisterwerk ist. Denn die eigentlich relativ kurze Erzählung hat durchaus seine Längen, die dann aber erstaunlicherweise nicht für Langeweile sorgen. Trotz des moralischen Anspruches also auch eine unterhaltsame Reise durch eine bedrückende Welt.

Das Seil

wurde für den Deutschen Buchpreis 2012 nominiert, was nach der Lektüre auch nicht überrascht. Und Durs Grünbein liegt selbstverständlich richtig, Stefan aus dem Siepen gehört auf einen Platz in der ersten Reihe deutscher Erzähler.

Stefan aus dem Siepen: Das Seil, dtv, 180 Seiten, Juni 2012

jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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