Tuvia Tenenbom – Allein unter Deutschen


Er stellt seine Fragen Verlegern und Journalisten wie Helmut Schmidt, Giovanni di Lorenzo und Kai Diekmann, dem Autonomen im Hamburger Schanzenviertel und einem Neonazis im Club 88 in Neumünster. Er mischt sich beim Public-Viewing unter die betrunkene Fußballnation, besucht Synagogen, Kirchen und Moscheen und treibt sich auf dem Weltkirchentag und auf den Passionsspielen in Oberammergau herum.

Er plaudert dabei mit Studenten, Bankern, Obdachlosen und Drogensüchtigen. Dabei entstand ein Reisebericht, der es in sich hat und erbarmungslos dem deutschen Leser den Spiegel vorhält. Sarkastisch und drastisch beweist der Autor dabei, dass jenes „deutsche Wesen“, an dem „die Welt genesen“ sollte, durchaus noch besteht.

Tenenbom

ging eigentlich davon aus, nach seiner Expedition eine Sammlung unterhaltsamer, heiterer Geschichten zusammen zu haben. Genau das war es wohl auch, was dem Rowohlt Verlag, der den Anstoß zu diesem Projekt gab, vorschwebte. Er lernte Deutschland schließlich schon anlässlich einiger Besuche kennen und hielt die Menschen hier nie für Antisemiten. Tenenbom hält auch nichts davon, nachfolgende Generationen für die Verbrechen der Eltern und Großeltern verantwortlich zu machen. Aber was er erlebte, überraschte ihn dann doch. Antisemitismus existiert in vielen Formen und Tenenbom deckt ihn auf: von der unsachlichen und einseitigen Israel-Kritik, in den Mythen von Verschwörungstheorien und Stammtisch-Politikern bis hin zum vernichtenden Judenhass der Neonazis und Islamismus-Fundamentalisten.

Alleine der Weg

vom Manuskript zur fertigen Auflage ist bezeichnend. Nach wechselseitigen Irritationen entstand ein Zerwürfnis, der Verlag bestand darauf, auf ganze Komplexe des Stoffes zu verzichten. Vorwürfe der Zensur standen im Raum. Schließlich wurde der Vertrag zwischen dem Autoren Tenenbom und der Verlagsleitung des Rowohlt Verlages im gegenseitigen Einvernehmen aufgelöst. Der Verlag selbst begründet diesen, in der deutschen Verlagswelt bisher wohl einmaligen Vorgang, mit juristischen Bedenken. So wären sich nicht alle Gesprächspartner, die in diesem Buch zitiert werden sollten, um ihr Einverständnis gebeten worden, man fürchtete Klagen. Tatsächlich bedient sich Tenenbom Mitteln des investigativen Journalismus, ein in Deutschland nicht unproblematisches Feld. Trotzdem griff schließlich der Suhrkamp Verlag zu und veröffentlichte diesen interessanten, aber eigentlich mehr traurigen Report.

Tuvia Tenenbom: Allein unter Deutschen, Suhrkamp, 431 Seiten, Dezember 2012

REKLAME
jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

... auch interessant:

Leserbriefe können an dieser Stelle nicht eingereicht werden.

HanseTexte-NEWSLETTER

HanseTexte liefert Content frei Haus! Der Eintrag in die Newsletterliste ist unverbindlich und kostenlos - mehr als die Mailadresse wird nicht benötigt!
Email address
Secure and Spam free...

Termine

  • Sommerferien 2017 Schleswig-Holstein 24. Juli 2017 – 2. September 2017 Alle Termine auf www.schulferien.org
  • Herbstferien 2017 Schleswig-Holstein 16. Oktober 2017 – 27. Oktober 2017 Alle Termine auf www.schulferien.org
  • BürgermeisterIn-Wahl 5. November 2017 Hansestadt Lübeck

Folge mir auf Twitter

REKLAME