Ulrich Tukur – Die Spieluhr

Eigentlich ist es naheliegend, wenn ein Schauspieler über die Filmerei schreibt. Im neuen Buch des Schauspielers, Musikers und Autoren Ulrich Tukur bleibt das Set einer französischen Produktion dann jedoch nicht mehr als eine – auf den ersten Blick – eher untergeordnete Rahmenhandlung.

Die glänzend verfaßte Novelle Die Spieluhr ist kein Drehbericht, sondern eine Art Gespenstergeschichte, weniger zum Gruseln, als vielmehr zum Staunen und Träumen.

Während eines Drehvorhabens zur tragischen Geschichte der Kunstmalerin Séraphine de Senlis in Nordfrankreich kommt es zu einem merkwürdigen Zwischenfall. Ein junger Assistent hat angeblich des Nachts in der Umgebung ein seltsames Anwesen entdeckt und dort unheimliche Erlebnisse gemacht. Trotz Suche des gesamten Teams bleibt die verwunschene Ruine verschwunden – und der Bericht des Assistenten wird als Hirngespinst abgetan. Nur der Erzähler, ohne Zweifel Tukur selbst, erkennt Bezüge zum Filmstoff und dem Schicksal seiner Protagonistin Séraphine – und wird durch den Assistenten, der schließlich offensichtlich dem Wahnsinn verfallen ist, in eine bizarre Zeitreise gerissen. Verfallene Räume werden zu Zeitfenstern, Gemälde mit Leben erfüllt. Im Mittelpunkt befindet sich eine mit einer Art Fluch belegte Spieluhr. Der Erzähler ist als Beobachter ein großartiger Berichterstatter und Reiseführer durch die Epochen: Von der Zeit des Sonnenkönigs und der französischen Revolution über die beiden Weltkriege der Neuzeit bis in die Gegenwart.

Es ist mitunter

nicht immer leicht, den aufregenden und teilweise finsteren Geschehnissen zu folgen, denn der Stil ist durchaus literarisch anspruchsvoll. So wird auf plakative, drastische Schilderungen verzichtet und um Effekthascherei große Bögen gemacht. Es geht es hier vielmehr um die individuellen Sichtweisen, die zu verschiedenen Einsichten und Erkenntnissen führen. Es geht um die Macht der Kunst und um die Intention von Künstlern, die hinter der Kunst verborgen ist und meistens erst auf den zweiten Blick zu erkennen ist. Die eher versteckten Botschaften, die sich hinter dem Spiel des Schauspielers und zwischen Farbe und Leinwand des Malers befinden, bleiben leider oft für die meisten Betrachter verborgen.

Das Geheimnisvolle

an dieser Novelle ist die Frage der Authentizität seines Stoffes, denn die besagte Filmproduktion hat es durchaus gegeben. 2008 drehte Martin Provost mit Séraphine eine Filmbiografie der Malerin, die dort von Yolande Moreau verkörpert wurde. Ulrich Tukur spielte ihren Entdecker Wilhelm Uhde. Und so verschwimmen historische Fakten, persönliche Eindrücke des Autors und das Resultat seiner fantastischen Inspiration zu einer unterhaltsamen, rätselhaften Melange.

Wem sich diese Szenerie nicht auf Anhieb erschließt, kann nach der abschließenden Illustration wieder auf der ersten Seite anfangen: Ein Zeitverlust entsteht dadurch nicht. Und aufgrund des verschwenderisch schönen, golden-geprägten Einbandes ist dieses Büchlein ein stilvoller, angenehmer Begleiter – und somit auch ein haptisches Argument im Zeitalter virtueller, elektronischer Bücher.

Ulrich Tukur: Die Spieluhr, Ullstein Verlag, Oktober 2013

jphintze

... verfasst journalistische und literarische Stoffe, fotografiert und ist als Schauspieler/ Sprecher tätig. Geboren 1971 in Schleswig-Holstein, aufgewachsen und fest verwurzelt in Lübeck.

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