Das Dreigestirn der Provokation

Dass die Verhältnisse zwischen den berühmten Dichtern und Schriftstellern zu ihrer Vaterstadt Lübeck alles andere als leicht und freundlich waren, ist belegt.
Erich Mühsam überlieferte eine historische Unterhaltung, die dieses schwierige Verhältnis treffend auf den Punkt brachte.

Mühsam berichtet, auf seinem Schulweg als Gymnasiast des ehrwürdigen Katharineums häufig einer blonden Seminaristin den Weg gekreuzt zu haben. Die “Komtesse Reventlow”, gemeint war Fanny Gräfin zu Reventlow, wurde von dem Fünfzehnjährigen freundlich gegrüßt, der eine pubertäre, distanzierte Verehrung pflegte.

Nach Ansicht Erich Mühsam bemerkte die damals 22jährige Fanny Reventlow nichts von dieser Schwärmerei und erfuhr von dieser ersten Begegnung mit dem Dichter und Anarchisten erst um 1910, während einer zufälligen Begegnung mit Mühsam im Münchener Café Luitpold.

Der Bohemien Mühsam lagerte eben in diesem Café, vermutlich betrunken, berauscht und in Begleitung eines Gefolges und irgendjemand schleppte Mühsam, “Maya oder irgendwer, von dem die Tagebücher der Gräfin Näheres berichten” an den Tisch der Gräfin.

Die Publizistin und Autorin kam in Plauderlaune, die gemeinsame Heimat schuf von selbst “Stoff zu vielerlei amüsanten Betrachtungen”, so Mühsam in seinen “Unpolitischen Erinnerungen”.

Sogleich wusste die Gräfin Neues aus der Hansestadt zu berichten: Erst neulich waren “die Zahlreichen, in die Literatur, Kunst und Boheme versprengten Lübecker” Gesprächsthema bei einem Empfang des Bürgermeisters der Hansestadt.

Thomas Mann mit seinen “Buddenbrooks” provozierte, gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich Mann, der gerade “Professor Unrat” herausgebracht hat, das Lübecker Bürgertum sowie das Moralempfinden der Kirchgänger. 

Und Erich Mühsam schrieb als erklärter Anarchist damals nicht nur Texte zur Aufruhr, sondern auch Gedichte zur Moral; außerdem hatte regelmäßig mit Polizei und Staatsanwalt zu tun.

Fanny Reventlow hätte sich auch selbst in diese Linie einreihen können, weshalb sie es nicht tat, ist offensichtlich. Aber die Pionierin praktischer Emanzipation war bekannt und empörte ebenfalls: Als Frau und Gräfin zu dieser Zeit ein uneheliches Kind zu empfangen war eine deutliche Botschaft an das Bürgertum dieser Zeit.

Auch als Schriftstellerin ging es ihr um die Freiheit aller Frauen in Deutschland aus den Fesseln des Militärs, der Bürokratie, Aristokratie, den Zwängen des geld- und fortschrittsgläubigen, nationalistischen wilhelminischen Gründergeists.

Für den Lübecker Bürgermeister waren diese Kinder der Stadt jedenfalls zu viel. Er schüttelte, so wurde es der Gräfin von einem Augen- und Ohrenzeugen glaubhaft versichert, verzweifelt den Kopf und: “Dass die auch gerade alle aus Lübeck sein müssen – was sollen bloß die Leute im Reich von uns denken!”

Text und Foto: J.P.Hintze

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