Die Zukunft der alten Dame

Die Zukunft der alten Dame

Warum nur an einem 15. April. Ausgerechnet am Geburtstag des Meisters Leonardo da Vinci musste es geschehen. Am vergangenen Montag, am 15. April 2019, 567 Jahre nach der Geburt des Universalgelehrten, brannte der Dachstuhl der weltberühmte Kathedrale Notre Dame, direkt auf der Ile de la Cité, der historischen Altstadtinsel Paris, nieder.

Und ausgerechnet Notre Dame – unsere Dame. Die Pariser Zeitungen titelten am Tag darauf “Notre Drame” – unser Drama. Denn mit Notre Dame brannte es nicht nur im historischen Kern der Stadt, mit Notre Dame brannte das historische Gewissen Frankreichs.

Das älteste Dach der Welt?

Und im traurigen wahren Sinne der Wörter verbrannte historisches Denkmalgut. Das älteste Holz, das als Dachbalken und Dachverkleidung über dem Langhaus des Kirchenschiffes verbaut wurde, muss zwischen 1215 und 1250 geschlagen worden sein. Und war damit eines der ältesten Dächer weltweit. Ausgerechnet im – oder unmittelbar über – dem Kirchenschiff muss das Feuer am verhängnisvollen Montagabend zu wüten begonnen haben.

Rund vierhundert Feuerwehrleute aus allen Arrondissements kämpften bis zum Dienstag gegen das Feuer, retteten, wie betont wurde, die “Grundstruktur des historischen Kirchenbaus”, konnten aber dennoch nicht verhinderten, dass der 1860 von Eugène-Emmanuel Viollet-le-Duc erbaute Dachreiter brennend in sich zusammenfiel. Unersetzbare Kunst- sowie historische Schatzgegenstände konnten jedoch noch am frühen Montagabend geborgen und somit gerettet werden.

Nur Reparatur anstatt Wiederaufbau?

Bereits am Dienstagabend war klar, was mit der “Grundstruktur” gemeint war: gelingt es nämlich, die Außenmauern zu retten, ist der Bau eines neuen Daches nämlich “nur” eine Reparatur – würde jedoch die Struktur, Wände und der Steingewölbe des Baus geschädigt, geht es anschließend um einen Wiederaufbau. Wie es im Augenblick scheint, konnte die Pariser Feuerwehr einen Wiederaufbau offensichtlich verhindern.

Unbeschädigt bleibt Notre Dame weiterhin in der virtuellen Welt. Andrew Tallon, ein Architekturhistoriker, hat über die letzten fünf Jahre mit Laserscannern aufwendig die Innen- und Außenflächen der Kathedrale erfasst und in eine digitale 3D-Punktwolke umgewandelt. National Geographic dokumentierte 2015 Tallons Arbeit, die in Milliarden Lichtpunkten künstlich, aber dennoch sehr lebendig die gotische Kathedrale in allen ihren winzigen Details abbildet. Ohne es zu wissen, schuf Andrew Tallon, der im November vergangenen Jahres im Alter von nur 49 Jahren verstarb, vermutlich die Blaupause für künftige Rekonstruktionen – von der Reparatur bis zum Wiederaufbau.

Optimistische Zukunft

Aber vielleicht sollte man nicht nur deshalb die Zukunft der Notre Dame ausnahmsweise einmal optimistisch sehen. Schließlich wurde erst 2017 ernsthaft erkannt, dass das historische Bauwerk endlich gründlich renoviert werden muss. Doch es schien nicht klar, wer die Rechnung dafür übernehmen sollte. Präsident Macron schien diesmal tatsächlich von sich selbst überzeugt zu sein, als er verkündete, die Kathedrale innerhalb von zwei Jahren wieder aufbauen zu wollen.

In diesem Fall und mit Andrew Tallons Arbeit als Grundlage sollte es gelingen.

 

 

Foto: © Jean Pierre Hintze – flickr.com
Video: © National Geographic.com


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