Großraumbüros machen krank

Großraumbüros machen krank

Obwohl Großraumbüros eindeutig im Trend liegen, warnen Arbeitswissenschaftler nun vor den Gefahren. Denn besonders die lauten Geräuschkulissen sorgen für eine deutliche Reduzierung der Leistungsfähigkeit aller Mitarbeiter. Nach neuesten Studien reduziert die sich um 20 bis 30 Prozent.

Eine Untersuchung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin unterstreicht die Gefahren von Großräumen.

Zu viel Lärm

Für diese Studie wurden 32 Studienteilnehmer, die alle beruflich aus dem Bürobereich kommen, fünf Tage lang unter den verschiedensten Bedingungen intensiv beobachtet. Unter andern unter der Vollast der Telefone und laufenden Druckern – alleine bei dieser durchaus üblichen Geräuschkulisse wurde ein Schallpegel von 40, 55 und 70 Dezibel(A) gemessen. Was an sich schon deutlich zu viel Lärm ist.

30 Prozent weniger Leistung

Die Arbeitswissenschaftler bewiesen, dass sich besonders sehr komplexe Tätigkeiten, wie beispielsweise Texten oder die Formulierung von Angeboten, bei einem noch höheren Geräuschpegel wesentlich umständlicher gestalten. Vielfach sehen sich die Mitarbeiter in dieser Geräuschkulisse sogar gezwungen, ihre Arbeit von Neuem zu beginnen. Aber selbst einfachere Tätigkeiten scheinen nur dann fehlerfrei zu gelingen, wenn die Aufmerksamkeit erheblich erhöht wurde. So geht der “Verein Deutscher Ingenieure” davon aus, dass akustische und visuelle Störungen die allgemeine Leistungsfähigkeit von Angestellten um bis zu 30 Prozent senken würden.

Doppelt so viele Fehltage

Eine schwedische Studie der Universität Stockholm hat sogar nachgewiesen, dass Großraumbüros physisch und psychisch krank machen. Dazu wurden 2000 Arbeitnehmer, die sowohl in einzelnen, als auch in Großraumbüros tätig sind, nach ihren Fehlzeiten gefragt. Die Ergebnisse schockieren: So haben die Arbeitnehmer in den Großraumbüros durchschnittlich doppelt so viele Fehltage wie andere Kollegen. Langfristig sind diese Ausfälle teurer, als Einzelbüros einzurichten oder Home-Office-Möglichkeiten zu bieten.

Physische und psychische Belastungen

Die schweizerische Studie “SBiB-Studie – Schweizerische Befragung in Büros” geht noch einen Schritt weiter und hinterfragt, welche Beschwerden durch die Arbeit in Großraumbüros auf die Mitarbeiter lauern. So leiden 38 Prozent der Befragten an Müdigkeit, 17 Prozent an Schlafstörungen, 15 Prozent an “brennenden Augen” und 14 Prozent an Kopfschmerzen. Je größer der Raum, umso häufiger kommt es zu den Beschwerden. Und je länger die Arbeit im Großraumbüro dauert, umso chronischer werden die Begleiterscheinungen, wie Rückenbeschwerden, Konzentrationsschwierigkeiten, Virus- und Bakterieninfektionen sowie eine allgemeine psychische Belastung durch Lärm und durch permanente Beobachtung.

Sieben Millionen in Gefahr

Die schweizerische Studie identifiziert insbesondere den Lärmpegel, eine schlechte Raumluft sowie falsche Raumtemperaturen als Krankmacher. Dazu kommt, dass sich grundsätzlich etwa 25 Prozent aller Mitarbeiter in Großraumbüros in ihrer Arbeit gestört und abgelenkt fühlen – vor allem durch Gespräche von Mitarbeitern, ständige Telefonate und dem ewigen Durchgangsverkehr vor, neben oder hinter ihrem Schreibtisch. „Nervfaktoren“, die einzeln eher unerheblich, in der Summe und in Permanenz jedoch unerträglich sind und deshalb nachhaltig die Psyche der Betroffenen schädigen. Durch den Trend der vergangenen Jahre zum Großraumbüro schätzt der Verband Deutscher Betriebs- und Werksärzte die Anzahl der durch Lärm in deutschen Großraumbüros gefährdeten Arbeitnehmer auf rund sieben Millionen Menschen.

Keine Rückzugsmöglichkeiten

Nicht zu vergessen ist dabei, dass die Betroffenen in der Regel überhaupt keine Möglichkeit haben, diesem Lärm zu entkommen. Da stellen sich dann plötzlich auch die psychischen Diskrepanzen ein. Wenn ständig das Wohlbefinden gestört wird, eine ewige Reizüberflutung nie abzureißen scheint und der Arbeitsplatz schnell mit einer “Leistungszelle” verwechselt wird, leidet das Selbstbewusstsein und Burnout droht. Und nicht zuletzt ist es in einem Großraumbüro praktisch unmöglich, komplexe, kreative oder wissenschaftliche Aufgaben zu lösen.

Geringes Bewusstsein der Arbeitgeber

Am produktivsten gelingt die Arbeit tatsächlich in einem ungestörten Umfeld. Doch auch neben dem Home Office gibt es optimale Arbeitsplätze. Und auch auf das Großraumbüro muss laut Arbeitswissenschaftlern nicht zwingend verzichtet werden. Wichtig ist, gestressten Mitarbeitern Raum für Rückzüge zu geben. Optimal ist es, den Mitarbeiter selbst entscheiden zu lassen, wo er wie arbeitet. Und die Möglichkeiten moderner, offener und gesundheitsfördernder Bürostrukturen bestehen durchaus. Kritisiert wird jedoch ein mangelndes Fehlerbewusstsein seitens der Arbeitgeber – obwohl sich dadurch Krankenstände reduzieren lassen und die Mitarbeiterproduktivität gesteigert werden kann.    

Foto: © Alex Kotliarskyi – unsplash.com

 


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