Wenn Arbeitnehmer zu “Geistern” werden

Wenn Arbeitnehmer zu “Geistern” werden

Das digitale Leben macht das reale Leben offensichtlich überflüssiger. Anders ist die zunehmende Unzuverlässigkeit, Unverbindlichkeit und Wortlosigkeit im Berufs- und Privatleben kaum zu erklären: “Ghosting” nennt sich das Phänomen der neuen Kommunikationslosigkeit und dem Drang zum “wegtauchen”.

Der Begriff kommt aus den USA und bezeichnet den Trend von Arbeitnehmern, ohne Kündigung nicht mehr zur Arbeit zu kommen und anschließend unerreichbar zu sein.

Zunahme des Phänomens

Laut Washington Post haben Personalvermittler großer amerikanischer Unternehmen eine Zunahme des Phänomens “Ghosting” von 10- bis 20 Prozent festgestellt. Und dabei handelt es sich nicht um Staatsdiener, die aktuell vom “Shutdown” der Regierung betroffen sind und auch nicht um prekäre Arbeitnehmer, sondern es geht durchaus qualifizierte Arbeitnehmer in verantwortungsvollen Tätigkeitsfeldern.

“Ghosting” auch in Deutschland

Nach IHK-Angaben ist “Ghosting” bereits in Deutschland angekommen. Sogar vor dem Vorstellungs- oder Einstellungsgespräch. Personaler erleben es häufiger, dass eingeladene Bewerber überhaupt nicht erst zum Termin des Vorstellungsgespräches erscheinen oder bereits auf entsprechende Einladungen nicht reagieren. Und immer öfter soll es auch vorkommen, dass eingestellte Bewerber überhaupt nicht erst zum ersten Arbeitstag erscheinen.

Egoismus zählt

Arbeitspsychologen führen dieses Phänomen auf eine mangelnde Sozial- und Entscheidungskompetenz zurück. Verbindlichkeit wird deshalb zunehmend unpopulärer. Inwieweit dies als Begleiterscheinung der Verlagerung auf ein anonymes und unverbindliches Digital-Leben erkennbar ist, bleibt spekulativ. Es scheint jedoch auch im realen Leben zunehmend bequemer zu sein, unangenehme Absagen zu vermeiden, Anfragen zu ignorieren und sich ausschließlich auf den eigenen Egoismus zu verlassen.

Ängste nehmen zu – Konfliktfähigkeit nimmt ab

Auch Psychologen erkenne die Grundlagen dieses Verhaltens in einer kaum vorhandenen Konfliktfähigkeit und der Angst vor Ablehnung und negativen Reaktionen. Allerdings kommt “Ghosting” nicht nur bei Arbeitnehmern vor, sondern ist auch auf dem veränderten Arbeitsmarkt zu beobachten. Manchmal hören auch Bewerber nach Vorstellungsgesprächen nichts mehr und sind tief verunsichert, wenn nicht einmal eine Absage folgt.

Schadenersatz kaum durchsetzbar

“Ghosting” kann allerdings teuer werden. Wenn es auch sehr unrealistisch ist, dass ein Arbeitgeber bei Nichterscheinen Schadenersatz von den Bewerbern fordert (und diese gerichtlich auch nur sehr schwer durchzusetzen ist), gilt nach der Unterschrift auf dem Arbeitsvertrag die arbeitsrechtliche Kündigungsfrist. Wird die nicht eingehalten, bleibt auch nur die eventuelle Schadenersatzforderung – zur Arbeitspflicht gezwungen werden können Arbeitnehmer in Deutschland nicht.

Schutz vor Geister

Als Arbeitgeber kann sich nur vor “Ghosting”-Schäden schützen, wer im Arbeitsvertrag bei Nichtantritt oder vorzeitige Beendigung eine Vertragsstrafe vorsieht. Bei “Ghosting” während der laufenden Beschäftigung sollte außerdem der Arbeitgeber ordentlich gekündigt werden – denn solange ein ungekündigtes Beschäftigungsverhältnis vorliegt, können auch trotz “Ghosting” Gehaltsansprüche entstehen.

 

FOTO: © rawpixel – unsplash.com

 

 


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