Zwei Mann aus Danzig

Es war in Danzig, als sich die beiden Herren vielleicht nur ein einziges Mal trafen. Sie waren damals noch sehr jung und beide nannten sich Günter. 

Günter O., damals noch schmächtig und klein, sah an dem vielleicht zwei, vielleicht aber auch drei Jahre älteren, größeren und kräftigeren Günter G. bewundernd auf, als dieser mit einem Eisen geschickt Steine aus dem Pflaster der Straße herauszubrechen versuchte. Der handwerklich nicht ungeschickte G., er wird in einigen Jahren nicht nur Steine brechen, sondern diese sogar formen dürfen, musste für Nachschub sorgen. Die anderen Jungen brauchten die Steine, um diese dann mehr oder weniger gezielt auf die Fenster eines grauen Wohnhauses zu werfen. 

Vielleicht aber sah G., der Ältere, auch nur belanglos auf O., dem jüngeren, hinunter. Wären beide ins Gespräch gekommen, könnte G. vielleicht den zögernden O. aufgefordert haben, es auch einmal zu probieren und hätte ihm vielleicht einen dieser Pflastersteine in die Hand gedrückt. Vielleicht hätte ihm der Ältere dann sogar erklärt, dass es sich hier schließlich nicht um einen dummen Streich handeln würde, sondern es ja eine Pflicht sei, in diesem “Existenzkampf” ihres, nämlich des deutschen Volkes, Steine auf Judenhäuser zu schmeißen. 

Vielleicht haben beide aber auch nur abseits des Mobs nebeneinandergestanden und diesem Treiben schweigend zugesehen. 

Man weiß es nicht.

Der Krieg gegen Polen, der später als Zweiter Weltkrieg in die Geschichte eingehen sollte, hatte gerade erst begonnen und beide Jungen fürchteten eigentlich nur, dass dieser Krieg schneller zu Ende gehen könnte, als sie “groß” werden würden, denn natürlich wollten sie an diesem Krieg teilnehmen. Sie konnten es überhaupt nicht erwarten, auf die Schlachtbank des Krieges geworfen zu werden. Vielleicht wollten das nicht alle Jungens, damals, aber mindestens fast alle hatten keinen anderen Wunsch, als schnell Soldat werden zu dürfen. Ein Paradoxon jener Zeit, an dem die Propaganda schuld war und natürlich auch die begeisterten Väter, Brüder, Onkel und Nachbarn, die sich als Soldaten oder “Heimwehrmänner” in den grauen und braunen Uniformen in dieser damaligen, dem Wahnsinn verfallener Welt bewegten. In Danzig gab es aber auch noch andere Männer, das darf nicht verschwiegen werden, jene nämlich, die auf Seite der Polen standen oder einfach keinen Grund sahen, für dieses “Großdeutsche Reich” zu kämpfen und zu sterben. Die meisten dieser Jungen hatten auch solche Männer in den Familien und viele verstanden nicht, weshalb sich dieser tödliche Riss durch ihre Familien zog, sie meinten nur zur verstehen, dass “der Jude” für diesen Streit verantwortlich sei. So bildeten sich in diesen merkwürdigen Zeiten also keine Banden zwischen verfeindeten Fußball-Anhängern oder Oberschülern verschiedener Schulen, sondern es kämpften auf den Straßen Danzigs und anderorts Deutsche gegen Polen und Juden. Im Großen und im Kleinen. Die beiden Jungen standen vermutlich jedoch etwas abseits diesem Pulk deutscher Jugend und beteiligten sich am abzeichnenden Menschheitsverbrechen noch als passive Zeugen. Und vermutlich erzählte der etwas größere G. dem kleineren O. auch noch nichts von seinen Plänen, sich freiwillig zu den U-Booten zu melden, wie er es einige Jahre später tatsächlich beabsichtigt. 

Auf jeden Fall, so wurde erzählt, waren diese zwei Jungen durch eine seltsame Gemeinsamkeit an diesem Ort und mit diesem Augenblick verbunden. 

Während des Tumultes nämlich prallte einer der zuvor geworfenen Steine von einem Fenstersims des hohen Gebäudegiebels ab, flog im hohen Bogen zurück, direkt über die Köpfe der anderen hinweg und schleuderte dann in genau auf Günther G. zu. Der Stein streifte noch schmerzhaft die Stirn von O., bevor er dann in voller Wucht auf den Schädel von G. prallte. Beide Jungens taumelten, O. fing sogar an versteckt zu weinen, das durfte er aber, denn als Pimpf wurde heulen in besonderen Fällen noch geduldet. Beide erschreckten sich sehr. Vielleicht blickten sie sich sogar verwundert an. 

Irgendein anderer Junge, der diesen trickreichen Stein beobachtete, meinte schließlich, zu G. und O. gewandt, dass die beiden eben besser selbst Steine geworfen hätten, das hätte man dann nun davon. Den Stein hätte sicher einer der Judenbengel zurückgeworfen, die sich da in dem Haus angeblich noch unter dem Dach versteckt hielten. Und O. hätte sich dabei vielleicht ziemlich gewundert, denn der Einzige, den er aus diesem Haus dort drüben kannte, war Hans-Jürgen, den O. aus der Schule kannte. Hatte der vielleicht Steine zurück geworden? Mit dem hatte er sich immer ganz gut verstanden, wieso war denn der jetzt ein Jude?

Jedenfalls sorgte dieser Zwischenfall für eine Gemeinsamkeit, beide sollten sich durch eine bleibende Beule, einer an der Stirn, der andere am Hinterkopf, an diese Veranstaltung erinnern. Auch noch lange nach dieser Zeit und jenem Krieg, an dem sich die Beiden, zu ihrem großen Bedauern übrigens, nicht mehr richtig beteiligen konnten, blieb die Beule als Erinnerung an diesem Tag. 

Der kleine O. steckte zum Kriegsende gerade noch in der Uniform eines Hitlerjungen, aus die er dann sehr hektisch heraus gerissen wurde, als sich seine Familie auf die Flucht nach Norddeutschland machte. O. wusste zu dieser Stunde, dass die Kindheit nun vorbei war. Und auch daran, so erklärte die Mutter, waren nicht die kriegsbegeisterten Brüder schuld, die jetzt an irgendeiner Front vermisst wurden. Auch nicht der Vater, der tapfer, wie sie sagte, als Parteimitglied bei seinen Posten in Danzig zurückblieb. Schuld an allem, so erklärte sie es ihrem Sohn, war „der“ Jude. Überhaupt: Tapferkeit.

O. konnte es nicht mehr hören. Aber sobald er versuchte, sich über diese ganzen Vorgänge um ihn herum konzentrierte Gedanken zu machen, hinderten dumpfe Kopfschmerzen am Denken. Also zerbrach er sich nicht weiter den Kopf.

Und G.? G. tauchte nach dem Krieg in einem amerikanischen Kriegsgefangenenlager auf. Und schuf sich dann sein künstlerisches Ebenbild, erlernte die Bildhauerei. Im Gegensatz zu O. konnte sich G. sehr wohl Gedanken über die Vergangenheit und den düsteren Vorgängen der vergangenen Jahre machen. Und er machte seinen Frieden mit seinen Feindbildern von einst. Im Gegensatz zu O. zog G. seine ganz persönlichen Konsequenzen. 

Zog er aber auch die richtigen Schlüsse?

Man weiß es nicht. 

Jahrzehnte später hätten beide dann erneut aufeinandertreffen können. Wäre dem dann so gewesen, wäre diese Begegnung ein ideales Beispiel für die Redensart, dass man sich im Leben immer zwei Mal trifft. Der jüngere O. und der ältere G., beide waren jetzt alte Männer, verbrachten ihre letzten Lebensjahre in Lübeck, nur wenige Hundert Meter voneinander entfernt. Viel Zeit blieb den beiden also nicht mehr. Wofür auch?

Vielleicht trafen sie sich in der Königsstrasse, vielleicht aber auch im geschäftigen Gewühl der Breiten Straße oder auf dem Kirchhof unter der Marienkirche. Möglicherweise würden sie sogar einen sprichwörtlichen Augenblick Blickkontakt haben, wie vielleicht damals, im Pogromhaften Gewühl in Danzig. Eventuell würde O. den älteren G. sogar kennen, denn schnell gab sich O. nicht mehr nur mit dem Behauen von Steinen zufrieden, er malte auch bald und betrieb bereits lange die Schriftstellerei, das Wort drängte förmlich aus ihm heraus. Er verstand es zu experimentieren, zu laborieren und seine Kunst zu organisieren. Ein bekannter, sogar ausgesprochen berühmter Schriftsteller ist aus ihm geworden und O. kannte ihn natürlich, erkannte in ihm aber bestimmt nicht den Jungen von damals, aus Danzig. Wahrscheinlich hätte O. ihm, schon aufgrund seiner Prominenz, nachgeblickt. Und dann ganz bestimmt nicht mit einem freundlichen Blick, den G. gehörte zu den linken Schriftstellern der Republik, die seiner Meinung nach allesamt “Vaterlandsverräter” waren. Dass G. wie er selbst gebürtiger Danziger war, wusste er möglicherweise, erinnerte sich aber sicher nicht daran. Es wäre auch nicht erheblich gewesen, denn zwischen ihm und G., so dachte er zumindest, lagen Welten. Aber er dachte voller Neid daran, dass G., im Gegensatz zu ihm, wenigstens auf dem weiten Feld des Krieges mitwirken durfte, bedauerlicherweise nun aber mit der Moral seiner Werke die eigenen Kameraden demütigte und verriet. So einen mochte O. nicht.

Im Gegensatz zu G. war der wenig jüngere O. kein bedeutender Dichter, hatte eher kein moralisches Gewissen, war alles andere als eine gesellschaftliche Instanz, sondern besaß eher einen geringen Ruf als Unbelehrbarer und war ein notorischer Ewiggestriger, der über eine Beachtung als lokaler Leserbriefschreiber mit extremer Tendenz zu Geschichtsrevisionismus nicht hinauskam. Er verkaufte in seinem Laden, der sich in einer benachbarten Rippenstrassen befand, gebrauchte Bücher. Neben dem Buchantiquariat spezialisierte sich O. daneben auch auf Volksempfänger, wie es schien, jene Geräte also, die er bereits als Kind auseinandernehmen und auch wieder zusammensetzen konnte. Einen Gewinn erzielte er kaum, es war ein Zuschussgeschäft im wahrsten Sinne des Wortes. Aber auf einen finanziellen Gewinn kam es ihm auch überhaupt nicht an. Diese alten Radiogeräte, dort in der Fensterauslage, waren Symbol seiner Mission und Köder seiner Taten. Meist waren es ahnungslose Jugendliche, in einige Fällen reichlich infizierte Neonazis, die da in den Laden kamen und über die Volksempfänger mit O. ins Gespräch kamen.  Ärgerlich für alle Unbeteiligten, die ganz naiv nach den Preisen dieser Geräte fragten und somit ungewollt in entsprechende Gespräche gezogen wurden. Warum man denn diese Geräte, „seinerzeit“ auch Goebbels-Schnauzen genannt, gefallen würden? Interessiere man sich vielleicht für jene Ursprungszeit, über die man ja eigentlich gar nicht frei sprechen darf? Ob man dies überhaupt wisse und warum dass wohl so sei? Man wisse nicht, wovon er sprechen würde? Die eigene Geschichte, darum gehe es; dass die Vergangenheit des Volkes, jene, die so schuldbeladen sei, doch heute nur noch negativ dargestellt werden würde, ob das nicht komisch sei. Und dass es doch eigentlich fast schon verboten ist, dieses Bild mal kritisch zu hinterfragen, ob es einem nicht Selbst aufgefallen sei. Und die Juden, die wären ja ein ganz bestimmtes Kapitel. Denn wäre es nicht komisch, und dabei kam er seinen Gesprächspartner unangenehm nah und kniff sein linkes Auge zu, dass es immer noch Juden geben würde, die Wiedergutmachungsgelder kassieren können? Obwohl „wir“ damals doch angeblich alle vergast hätten, er zog mit seinem Zeigefinger rhythmisch das untere Lid des zugekniffenen Auges, „merken sie was?“

Und erzählte, wohlgemerkt ungefragt, von seiner Kindheit in Danzig, dass ja heute Gdansk heißt und in Polen liegt und er erzählte es meist so, als sei dieses Danzig komplett gestohlen, demontiert und in Polen an anderer Stelle wieder aufgebaut wurde. O. erzählte von seiner Karriere als Hitlerjunge, die überhaupt nicht so schlimm sei, wie heute immer wieder erzählt wird. Er tastete dabei mit seinen Sinnen seine Gesprächspartner ab und prüfte sorgfältig, wie weit er gehen könnte. Bei den geringsten Anzeichen von skeptischen Distanzen kam er umgehend wieder auf seine Volksempfänger zu sprechen, die jedoch, wie dann schließlich leise und ganz nebenbei erwähnt wurde, unverkäuflich waren. Es ging ihm ja überhaupt nicht um das Beraten und Verkaufen, vielmehr um das bekehren und doktrinieren. Ein Nazi wollte O. aber nicht sein, derartige Bezeichnungen verbat er sich. Er verbreitete seine Ansichten überzeugt als berechtigte Stimme eines heimatlosen Flüchtlingskindes. Eines Opfers, welches sich nicht Opfer nennen darf. Vielmehr sah er sich in der Rolle eines Freiheitskämpfers für ein vereintes Deutschland. Und als Deutschland noch geteilt war, als es also bis unmittelbar Ende der Achtziger Jahre die “DDR” noch gab und Reisen in den Ostblock, beispielsweise nach Gdansk in Polen, undenkbar waren, machte eine solcher Rolle unter Umständen durchaus Sinn. 

Er beklagte sogar öffentlich darüber, seine Vaterstadt Danzig nicht betreten zu können. Als dann aber 1989 die Mauer fiel und der Ostblock zerfiel und, nun wird es paradox, eine Reise zu den Orten seiner Kindheit also machbar wurde, blieb O. zu Hause. Er weigerte sich, diese Vaterstadt jemals zu betreten, unter dessen Erde vermutlich irgendwo sein Vater liegt und auf der sich die Sieger auf Generationen eingerichtet haben. Und auch sonst schien die Tatsache der deutschen Wiedervereinigung für O. kein besonderer Grund für Freude zu sein.

Und so kam die Nachwendezeit, die beiden deutschen Republiken wuchsen zusammen, so unterschiedlich sie auch schienen und die Blöcke des Kalten Kriegs schmolzen schneller hinweg, als man es je erwartete. G. hielt nichts von einem wieder vereinigten Deutschland. Der Wunsch dieser bürgerlichen Menschen auf der Straße war für ihn “nicht wünschenswert”, da die Nachbarn sich bedroht fühlen könnten.

G. reiste nach Danzig, das jetzt Gdansk hieß, sobald es ihm möglich war, schon aus reiner Neugierde und als bedeutender Literat selbstverständlich auch im Zeichen deutsch-polnischer Aussöhnung. Besuchte die Stätten der Kindheit und Jugend, ließ sich herumführen. Ging durch die Ul.Wajdeloty, wobei Ul. Polnisch ist und “Straße” heißt und ging auch am Eckhaus der Nummer 13 vorbei, dem damaligen Vereinslokal der Nazis. Hier haben sie sich vor dem Zweiten Weltkrieg besoffen, um anschließend polnische Studenten durch die Straßen zu jagen, er hatte es damals selbst gesehen. Nun dachte er aber nur darüber nach und schwieg. Und G. besuchte sein Elternhaus, neben dessen Eingang wenig später eine Tafel montiert wird, die an den Dichter und berühmten Sohn der Stadt erinnern soll, blickte in das miefige Treppenhaus, das jetzt überhaupt nicht mehr miefte, und erinnerte sich an die dunklen Geschichten, die hier zwischen den Etagen geflüstert und später, in den Wohnküchen, erzählt wurden: In Stutthof, vor den Toren der Stadt, machen sie jetzt Seife; man möchte sich gar nicht mehr waschen. Es wurde als Witz aufgefasst, und manche lachten sogar. Doch war Gdansk nicht mehr Danzig und statt an G. erinnerte man sich hier heute höchstens an diesen kleinen Blechtrommler aus seinem berühmten Roman und G. gefiel es. Er ließ sich gerne mit seinen Kreaturen verwechseln, obwohl er stets mahnte, um Himmels willen nicht alles autobiografisch zu interpretieren. Und so suchten sie die Maiwiese, jenes weite Feld am Steffenspark, das die Nazis für feierliche Aufmärsche nutzten und ihre todernst gemeinten Reden vom Ausmerzen und Auslöschen hielten und sie fragten nicht, wo G. wohl damals als Hitlerjunge gestanden hatte, sondern erkundigen sich beim Autor naiv und fast amüsiert, wo denn wohl die kleine Holztribüne zu verorten wäre, unter der sein kleiner Blechtrommler den Nazis auf eigener Art den Marsch trommelte. Das wollten sie wissen, denn viele mochten diese Stelle in seinem Buch, da Lächerlichkeit die beste Methode sei, seine Gegner zu entwaffnen.

Gegner, zu denen auch O. gehörte. Doch der gab dem kleinen Blechtrommler dazu leider bisher keine Gelegenheit, O. hatte das berühmte Buch nie gelesen und bedauerte diesen Umstand auch keinesfalls. O. bevorzugte auch eine andere Literatur. Jene nämlich, die sich mit der Schuld, besser: Unschuldsfrage der Deutschen beschäftigte, revisionistische Schriften in jeglicher Hinsicht. Publiziert und verbreitet von überzeugten Alt- und Neo-Nazis, die mit wahnwitzigen Theorien zu Ursachen und Verlauf des Krieges und absurden Verschwörungstheorien die Geschichte verfälschen. Verbrechen der Nazis und Verstrickungen der Deutschen verklären dabei die Täter, damals wie heute, in das glatte Gegenteil. Opfer werden zu Feinden des Volkes, tatsächliche Täter zu vermeintlichen Helden fabuliert. Ein braunes Schlaraffenland, ganz nach O.s Geschmack. Denn nur so wandelte sich der Vater, bei dessen Erinnerung wieder ein stechender Schmerz unter der Beule am Kopf einsetzte, von dem schuldigen Nazi-Funktionär zu einer Art Kreuzritter, der lediglich in Danzig blieb, um sich dem tapferen Kampf undsoweiterundsofort. Auch für den Massenmord an den europäischen Juden haben die Täter ihre eigenen Thesen. Mit pseudowissenschaftlichen Erkenntnissen wird jegliche industrielle Menschenvernichtung geleugnet und die Leichenberge werden zu Propagandafälschungen halluziniert. 

G. lagen derartige Gedanken fern, er befand sich auf dem Olymp seines Schaffens, wurde geschätzt und geehrt mit dem größten Literaturpreis, den die Welt zu vergeben hat. Er hat sich alles andere als kommod in seiner Welt eingerichtet, galt mittlerweile als Universalkünstler und verstand es geschickt, neben seinen Büchern auch eigene Bilder und Skulpturen zu vermarkten, Synergien zu nutzen. Dass alles mit Erfolg, wohlgemerkt, nur manche Lästerer meinten, da hätte einer seinen Mephisto gefunden. 

Die Medien und die Öffentlichkeit begannen sich mehr und mehr für den Menschen hinter dem Werk zu interessieren. Doch Fragen zu seiner Person störten, Fragen zu seinem Werk hingegen erfreuten ihn. 

Nicht nur die Beule auf seinem Kopf erinnerte ihn an die Vergangenheit. Sein gesamtes Werk war auf die dunkelsten Jahre, jener Chiffre 1945, ausgerichtet, dem Verlust seiner moralischen Heimat in Gestalt des untergegangenen Danzig, welches er in seinen Büchern beschwor. Seine Erfahrung war reich und sein Standpunkt eindeutig. Er wurde zu einer glaubwürdigen Instanz. Bei mutigen Fragen zu seiner ganz persönlichen Verantwortung konnte sich G. mit Hinweis auf sein Geburtsjahr und dem dadurch eher zufälligen Verdienst, unbelastet zu sein, zurücklehnen. Doch es ging ihm nicht nur darum, die Geister der Vergangenheit zu beschwören. So steht er schließlich unter einem Regenschirm und einer Mütze im regnerischen Mutlangen und liest aus dem Buch einer Kollegin. Die überaus wichtige Presse wird genauso wichtig ignoriert, er blickt in keine der Fotografenkameras, sondern stellt sich zur Verfügung als ein Symbol des Widerstands gegen die geplante Stationierung von einhundertundacht amerikanischen Pershing-II-Raketen und sechsundneunzig Cruise Missiles, ungeachtet der Tatsache, dass nicht die Amerikaner, sondern ihre östlichen Gegenspieler mit diesem verflixten “Wettrüsten” begonnen haben. War sie wieder da, seine Unfähigkeit, zwischen Schwarz und weiß unterscheiden zu können? Widerstand, so erklärt G. überzeugt, sei das Gebot der Stunde, von einer Befehlsverweigerung über den einfallsreichen Protest bis hin zum Generalstreik gebe es viele Möglichkeiten in Orwells Jahrzehnt, den großen Brüdern das Regieren schwer zu machen. Warum nur, könnte man da fragen, hat er das erst jetzt verstanden und nicht schon 1937, als die jüdischen Händler vom Markt in Danzig, in Langfuhr und Zoppot vertrieben wurden? Oder als Studienrat Oswald vom Gymnasium nicht mehr in der Schule auftauchte, weil er ins Konzentrationslager Stutthof verbracht wurde. Doch niemand hatte je nach ihm gefragt, auch nicht G., sein Schüler. Wo war damals der Widerstand, wo die Befehlsverweigerung, der Protest?

Bereits Anfang der sechziger Jahre knüpft O. Kontakte zu den Demagogen, Ewiggestrigen Zeitzeugen und rechtsradikalen Parteien. Er lässt sich einbinden in diese Netzwerke, drängte sich förmlich auf und wurde zu einer Art Stützpunkt der Szene. Das Antiquariat in der Lübecker Altstadt war seit den achtziger Jahren für Neonazis und Rechtsextremisten in Norddeutschland eine bekannte Adresse, der Fotokopierer im Hinterzimmer rotierte, um die verlogenen Fragmente des Hasses zu produzieren. Wöchentlich wurden diskret verpackte Auslandssendungen geliefert, die NS-Propaganda enthielten, die dann gemeinsam mit seinen Rundbriefen an einen ausgewählten Personenkreis in der gesamten Region von Hamburg bis Kiel verteilt wurden. Stunden verbrachte O. damit, seine Adressaten auf Hunderten von Karteikarten zu verwalten. Computer und Internet lagen ihm fern, er pflegte seinen konspirativen Vertrieb mit begeistertem Eifer und völlig befriedigt von der Erkenntnis, sich stets selbst treu geblieben zu sein. 

Und er war von der Moral seines Sendungsbewusstseins völlig überzeugt, wähnte sich selbstverständlich auf der Seite der Guten. Ahnte er nicht manchmal, in ganz seltenen Momenten, zu irren? Erkannte er nicht die Lügen in seinen Hetzschriften, die Widersprüche und Fälschungen der braunen Ideologie? Vielleicht wollte er es nicht erkennen, vielleicht konnte er es auch nicht. 

Man weiß es nicht.

Gegenargumente überhörte er routiniert, was er nicht wissen wollte, das wusste er ganz einfach nicht. So interessierte sich O. auch nicht dafür, was da genau die kahlgeschorenen Jugendlichen machten, die sich nachmittags in seinem Laden herumdrückten, sich mit Zeitungen, Magazinen und Propaganda eindeckten. Sicher trinken sie abends Bier, dachte sich O. vielleicht. Konnte er sich nicht vorstellen, dass diese Neonazis, nachdem sie sich in irgendeiner Wohnung betrunken hatten, aggressiv loszogen und Propaganda-Aktionen durchführten? Dass sie dabei dann nicht selten zufällige Opfer verprügelten und seltener sogar Brandanschläge verübten?

Eines Tages wurde schließlich auch G. Opfer eines solchen Propaganda-Anschlages, als eines Morgens nämlich ein schwarzes Hakenkreuz entdeckt wurde, gesprüht an der Hauswand neben dem Eingang seines Kunst-Zentrums, dazu noch spiegelverkehrt. Ein unverkennbares Zeichen an eine eindeutige Adresse.

G. klagte öffentlich an. Auch er sei nun zu einem Opfer jener Täter geworden, die da ihren täglichen Terror im Zeichen des braunen Ungeistes streuen. Ein Opfer dieser, vermutlich jugendlichen Täter, die eigentlich wissen sollten, wohin dieser Ungeist einst schon geführt hat und nun ihn bedrohen. Ausgerechnet ihn, der vor diesen Folgen ständig mahnt und warnt. Und während er für das Foto eines Lokalreporters, direkt neben diesem hässlichen Graffiti an seiner Hauswand, posierte und vielleicht an Danzig dachte, blickte er die hohen Backsteinmauern der Katharinenkirche hinauf und fragte sich vielleicht, ob er nicht selbst, wenn er heute jugendlich wäre, zur Farbsprühdose greifen würde? Vielleicht fühlte er sich plötzlich direkt angesprochen, durch dieses hässliche Symbol, welches ihn schon das ganze Leben über begleitet. Sollte er etwa in die Enge getrieben werden? Wurde er aufgefordert, sich zu bekennen? War es eine Lebenslüge, sich wie auch ein schlechtes Alibi auf die “Gnade der (gerade noch) späten Geburt” zu berufen und ausschließlich die Alten zu verurteilen, die doch von den Verbrechen wussten, sie unterstützen und natürlich aus ausführten? Ganz sicher würde sich G. noch an das erinnern, was er damals selbst merkte, hörte und sah. Und er konnte sich dabei selbst vor seinem inneren Augen sehen, als Junge, damals in Danzig. Nicht den kleinen Blechtrommler, sondern der wirkliche Mensch, ohne diese künstlerische Haut, diese Zwiebel, in die er sich später begab. Stand er nicht vielleicht doch manchen nationalistisch-dumpfen, desillusionierten jugendlichen Tätern näher als diesem Blechtrommler, dem Meisterwerk seines literarischen Kabinetts? Er war damals doch selbst ein “Aufgehetzter”, wenn er nur ehrlich wäre. Ein Desillusionierter. 

Aber könnte die Sache nicht auch ganz anders liegen? War es vielleicht ein Anschlag, der sich nicht gegen eine mahnende Instanz des öffentlichen Lebens, sondern der sich gezielt gegen ihn persönlich richtete? Gar der Teil einer ausufernden Kampagne, die den Zweck verfolgte, ihn zu entlarven? War da vielleicht etwas, was der Dichter seinen Lesern verschwieg? Denn er bekam nicht nur freundliche Zuschriften, unter seiner Post fanden sich dann und wann auch Schmähschriften, in denen er aufgefordert wurde, endlich mal die Schnauze zu halten und endlich mal wieder gute Bücher zu schreiben, manchmal sogar ausgesprochene Drohbriefe.

Auch O. schickte ihm irgendwann etwas, bezeichnete darin als Hetzer und Volksverräter. Dazu eine Zitatensammlung, die beweisen sollte, dass der Pole eigentlicher Verursacher des Zweiten Weltkrieges war. Auf dieser Karte hatte O. auch noch handschriftlich vermerkt, dass sich G. als gebürtiger Danziger endlich zu seinem Volk bekennen solle. Sollte er also jetzt erpresst werden? 

Doch O. schien mit dem Graffiti nichts zu tun zu haben. Allerdings war man davon anfangs nicht so überzeugt. Sein Laden, der mittlerweile auch Polizei und Staatsschutz bekannt war, wurde schließlich von grün-uniformierten Fußtruppen aufgesucht, die in den Geschäftsräumen O.´s eine Durchsuchung vollzogen. Es wurden neben zahlreichen Propagandamaterialien auch Notizen und Aufzeichnungen sichergestellt. Bei der anschließenden Befragung im Lübecker Behördenhochhaus erfuhr O., der die Verbreitung von NS-Devotionalien, Büchern und Zeitschriften nicht bestreiten konnte, woher die Beamten schließlich so ausführlich über sein verfassungsfeindliches Treiben Kenntnis hatten. Es war ein V-Mann des Landesamtes für Verfassungsschutz, der sich jahrelang im Hinterzimmer seines Ladens bewegte, offenbar ein jugendlicher Bekannter, der vermutlich weniger den überzeugten Aktivisten gab, sich wahrscheinlich eher wohlwollend interessiert gab. Vermutlich war es aber nicht nur ein Spitzel, sondern es handelte sich um mehrere, gab der vernehmende Staatsschützer zu bedenken. Viele Zeugen also, die im Sinne der Anklage aussagen könnte. Daran bestand jetzt auch für O. kein Zweifel mehr, der den Ausführungen aufmerksam folgte und sich gezwungen sah, seine übertriebene Teilnahmslosigkeit jetzt aufgeben zu müssen. Er sackte zusammen, nahm sich schließlich aber zusammen und gab an, die Zeitschriften und Bücher eigentlich nie bestellt zu haben, das meiste sei ihm unaufgefordert zugestellt worden. Und überhaupt: Ob sich der Kommissar denn mal die Mühe gemacht hat, diese Sachen einmal ganz objektiv zu vergleichen. Er solle mal prüfen, die angebliche Kriegsschuld Deutschlands und die Sache mit den KZs, die in Wahrheit-, doch der Beamte verbat sich solche Reden, ehe O. zu seiner Geste ausholen konnte und synchron zur Frage “…merken Sie was?” rhythmisch am rechten Augenlid zu zupfen. 

Es sollte ihm vielleicht überhaupt nicht mehr gelingen. Jedenfalls hörte er sich jetzt eine strenge Belehrung an und wurde mit dem Vorwurf konfrontiert, sich der NS-Wiederbetätigung schuldig gemacht zu haben und insbesondere Jugendliche mit verbotener Propaganda aufgehetzt zu haben. Auf alle Fälle würde jetzt ein Verfahren und anschließend sicher auch Anklage erhoben werden. Und es würden auch noch einige Zusammenhänge überprüft und sicher auch noch viele Fragen von ihm beantwortet werden, darauf könne er sich ja schon mal einstellen. Bis auf Weiteres könne er aber nach Hause gehen. 

Doch O. sollte nicht so weit kommen. Schon während der Fahrstuhlfahrt hinunter zerbrach er sich den Kopf, wer ihn da wohl verraten hatte. Tausend Gedanken prasselten auf ihn ein, während er da unter dem Behördenhochhaus an der Possehlstrasse zur Bushaltestelle ging, um auf den Bus zu warten. Die Stelle an seinem Kopf glühte, unter seiner Beule pochte es ununterbrochen, doch O. merkte es überhaupt nicht. Er dachte noch, dass man sehr wohl den Verrat schätzt, den Verräter jedoch verachtet, als er plötzlich zuckte um, dann direkt unter dem Haltestellenschild, bewusstlos zusammenbrach. 

Und niemand war weit und breit zu sehen.

Der Schriftsteller wollte sich nicht erpressen lassen. Vielmehr wollte er sich bekennen und er spürte bereits, dass es Zeit für sein autobiografisches Werk war. Ein Zeugnis nach seiner Art, dass andere Interpretationen von Ehrabschneidern in den Hintergrund drängen würde. Davon war er überzeugt, als er sich an das Werk machte. 

Nach mehreren Monaten Vorbereitung, seiner Offensivplanung, vollendete G. schließlich in nur wenigen Wochen sein Manuskript. Er enthäutete sich darin als Zwiebel, allerdings scheibchenweise und vage, wie sich enttäuscht nach Veröffentlichung manche Kritik ausnahm. Es dauerte nicht lange, als dann die Bombe, für G. völlig überraschend, platzte. Eine kurze Erwähnung, eigentlich nur eine Randnotiz und vielleicht verfasst um bestimmten Personen das Pulver zu nehmen, wirkte wie Dynamit. G. erwähnte aus seiner Jugend die Tatsache, eben nicht wie angestrebt U-Boot-Held werden durfte, sondern nach kurzer Verwendung im Bereich der Flugabwehr von der Waffen-SS vereinnahmt worden zu sein. So war das damals eben und der Krieg ging ja dann auch nur noch wenige Wochen. Außerdem sei er nicht einmal ein anständiger Hitlerjunge gewesen, die Abende der HJ ödeten ihn an, er habe zwar Indoktrination und Verführung durch den Nationalsozialismus erlebt, das gebe er zu, könne aber nicht sagen, begeisterter Hitlerjunge gewesen zu sein. Schlimmer seien ganz andere gewesen. Beispielsweise die Katholiken. Von katholischer Seite hätte er damals nie ein kritisches Wort gegen die Nazis vernommen, hätte sogar noch die Schlussgebete im Kopf, in denen unsere tapferen Soldaten zu Lande und in der Luft und auf den Meeren in die Fürbitten mit eingeschlossen wurden. Überhaupt hätte sich die Kindheit zwischen Heiligen Geist und Hitlers Bild abgespielt und entsprechende Narben hinterlassen. So, oder so ähnlich, versuchte er sich herauszureden. 

Schließlich meldeten sich Historiker zu Wort und störten sich an Nebensächlichkeiten, man sei damals nicht von der Waffen-SS “vereinnahmt” worden, dort wären ausschließlich Freiwillige aufgestellt worden. 

Ein anderer Kritiker, einer mit dem G. dann daraufhin nie wieder persönlich sprechen würde, wunderte sich über die Sache mit der SS keinesfalls. Nur dadurch, so seine Meinung, würden bestimmte Aspekte in G.´s Werk erst so richtig klar und deutlich. 

Könnte es sein, dass G. möglicherweise doch zu sehr indoktriniert war, dass er vom Nationalsozialismus doch verführt und sich berufen fühlte, sich unter dem Totenkopf der SS einzureihen? Hätte er gar nicht ein paar Jahre früher auf die Welt kommen müssen, ist er vielleicht doch Augenzeuge von Judendeportationen geworden, war er vielleicht sogar in Erschießungen von Partisanen verwickelt gewesen?

Und war da nicht der Gleichaltrige, von G. bis heute nicht verdrängt, der da während der militärischen Ausbildung die Übungen zwar alle mitmachte, sich jedoch trotz Bestrafung weigerte, ein Gewehr anzufassen. Dieser Zeuge Jehovas, der sich nicht richtig ausdrücken konnte, sich aber keinem Druck beugte und der schließlich von den Kameraden, darunter auch G., als widerspenstiger Außenseiter verprügelt wurde, wieder und wieder. Nach zwei, drei Wochen verschwand er dann plötzlich, wahrscheinlich im KZ gelandet, die Vorgesetzten fürchteten um die Moral der Truppe.

Und später? In der Gefangenschaft? Als sie von den Education-Offizieren durch ein KZ geführt wurden und ein aufklärender Schock ausbleibt? Man misstraute den Beweisen, die man ihnen vorlegte. Alles frisch gebaut, alles erst letzte Woche fertig geworden, meinte ein gelernter Maurer aus ihrer Gruppe, dem sie gerne glaubten.

Der jüngere O. bekam von Bekenntnissen des Schriftstellers überhaupt nichts mit, konnte aus naheliegenden Gründen nichts mitbekommen. Nachdem ihn nämlich nach seinem Zusammenbruch irgendjemand an dieser Bushaltestelle fand, wurde er schließlich mit erheblichen Verzögerungen ins Krankenhaus eingeliefert. Ein schwerer Schlaganfall war der Grund, der ihn zu Boden beförderte und er schien sich nur sehr schwer von dieser Attacke zu erholen. 

Er wachte auf, schien aber mehr zu dämmern, erkannte seine Umgebung nicht und schien auch sonst eher apathisch. Dieser Zustand änderte sich nach den ersten Tagen nicht und die Ärzte beschlossen schließlich, O. in ein kontrolliertes Koma zu versetzen. 

Doch auch davon bekam O. nicht mehr viel mit. Seine Familie hingegen, eine Ehefrau und zwei erwachsene Kinder, wurden über die politischen Betätigungen ihres Angehörigen informiert und wunderten sich. Man hätte nichts gewusst, könnte sich das alles nicht vorstellen und würde sich für Politik sowieso nicht interessieren. Außerdem sei er damals doch noch ein Kind gewesen, was hätte er denn mit Naziverbrechen zu tun? Sicher, er hatte von Danzig gesprochen, über seine Kindheit damals und die Flucht. Je älter er wurde, umso öfter sprach er über Danzig, nicht selten überkamen ihm dabei die Tränen. Er hatte stets Sehnsucht nach der Stadt seiner Kindheit, wollte die Stadt aber dennoch nie wieder besuchen. Was hatte so etwas denn mit den Nazis zu tun?

Der Schriftsteller hatte sich auf andere Art und aus ganz persönlichen Gründen zurückgezogen. Sein Geständnis, der Verbrecherbande SS gedient zu haben, wurde zu einer Kampagne gemacht, davon war er überzeugt. Dort draußen, da sind die unwissenden Jungen, die ihn stürzen wollen, um Platz zu schaffen. Da bleibt er lieber drinnen. Was er jedoch wahnhaft als Angriffe zu erkennen meinte, waren Fragen nach der Haltung und dem Selbstverständnis, über das ein Jugendlicher verfügen musste, um sich freiwillig zur SS zu melden. Denn das schien Tatsache zu sein, Antworten oder Erläuterungen jedoch, auf die einige Leser und Kritiker Ansprüche wähnten, blieben aus.

Das öffentliche Interesse an G. nahm dann aber wieder ab, und so stand er manch Stunde allein in seinem Atelier und fühlte die eigene Person angekratzt, seitdem er die Zwiebel gehäutet hatte. 

Bis er dann jedoch irgendwann seine letzte Tinte befeuchtete und ein Gedicht verfasste, das in jeglicher Form schockierte und selbst den besonnensten Leser zutiefst verstören sollte. 

Dieses Gedicht, bereits in seiner Form eigentlich überhaupt nicht als ein Gedicht zu erkennen, es war vielmehr eine verstimmte Kaskade von anklagenden Worthülsen, die der Dichter nun in nah-östliche Richtung wendete. Seine mahnenden Worte waren für Israel bestimmt, der kleinsten Demokratie der Region und, seiner Meinung nach, auch die größte Bedrohung der Region. Es ging um Raketen und Waffen, die Israel auch und besonders von Deutschland bezog, was besonders skandalös sei, da Deutschland und die Deutschen schließlich schon belastet genug seien. Trotz alledem, so schien er es ernsthaft zu meinen, müsse er dieses Thema endlich mal ansprechen. Dieser Tabubruch wäre längst überfällig.

Kaum war diese, wie manche später hoffen werden, wirklich letzte Tinte getrocknet, fühlte G. bereits den empörten Sturm der Entrüstung. 

Und ahnte, jetzt vermutlich wieder dem Vorwurf des Antisemitismus ausgesetzt zu sein, worüber er aber nur im Stillen lachen konnte. Um dem dann nichts mehr hinzuzufügen. 

In der Lübecker Universitätsklinik dämmerte O. einen komatösen Schlaf und bewegte sich in seltsamen Träumen. Er bewegte sich in einer dunklen, diffusen und nebeligen Kulisse. Wie in einem Wald dachte er, doch die vermeintlichen Bäume waren die schemenhaften Umrisse von Menschen, Kindern, die vor der Giebelwand einer Hausruine standen. Er fühlte sich auch plötzlich wieder als der 11-jährige Junge in Danzig, die ganze Last des anschließenden Lebens schien verschwunden. Er erinnerte sich auch nur noch an das Leben bis zu diesem einen Punkt, diesem Moment, der aus irgendeinem Grund jetzt wie festgefroren ist und O. wunderte sich sehr, jetzt überhaupt gar keine Panik zu verspüren, denn diese Situation hier war alles andere als normal. Dazu kam, dass er sich keinen Millimeter bewegen konnte. Das heißt, er konnte sich schon fast völlig frei bewegen, er kam aber nicht von der Stelle und zappelte beim Versuch, einen Schritt zu gehen. Sein Kopf ließ sich nicht bewegen, der schien wie gelähmt und fühlte sich an, als wäre er in einem imaginären Schraubstock fixiert. O. selbst schien festgefroren wie dieser Moment. Schließlich tastete O. mit seiner Hand über die Brust und den Hals hoch zum Kopf und ertastete einen Stein, der völlig starr in der Luft und an seiner Stirn klebte. Unglaublich! Er dachte an Hans-Jürgen, und die Frage, was aus ihm wohl geworden sei, schien ihm wie der Schlüssel aus seiner misslichen Lage hinaus.

Und vielleicht, auch wenn die Mutmaßungen damit nun endgültig ins kitschige abdriften, vernahm O. dann plötzlich aus dem Nichts eine gedämpfte Stimme, die beruhigend auf ihn einwirkte. Es handelte sich dabei um die Stimme eines jungen Arztes, der sich O.s Schicksal annahm und eine Operation wagen wollte. Eher ein Experiment, denn es war weder klar, ob die chirurgische Korrektur der berüchtigten Beule den Schädeldruck mindern würde, noch war es sicher, dass er die narkotische Vorbereitung auf diesen Eindruck überstehen sollte.

Doch O. überlebte den Eingriff, der Druck im Kopf wurde beseitigt und er erwachte aus dem Koma, war dann jedoch alles andere als der, der er vorher war. Er erinnerte sich nicht mehr an die Zeit nach dem denkwürdigen Steinwurf in Danzig. Sein späteres Leben war vergessen, er erkannte weder seine Frau, noch seine Kinder. Sein Gehirn, so die Mediziner zu den Angehörigen, sei lange genug unterversorgt, um dauerhaft Schaden zu nehmen. So musste O. auch mühsam wieder die Sprache erlernen, kommunizierte deshalb überwiegend mit dem jungen Arzt und weinte sehr viel, denn mit dem Bewusstsein eines Kindes realisierte er seine Gegenwart als alter Mann. Tragisch. Und er freundete sich mit dem jungen Arzt an, der, wie es sich herausstellte, ein junger Israeli war, der in Tel Aviv geboren ist, in Jerusalem Medizin studiert hat und anschließend nach Deutschland ausgewandert und schließlich in Lübeck, am Uniklinikum, gelandet ist, im Land seiner Großeltern. Er sprach perfekt Deutsch und interessierte sich für O., da sein Großvater zufällig auch ein Danziger gewesen ist. Und O. dachte wieder an Hans-Jürgen aus Danzig, denn es ihm fiel auf, dass sein junger Freund, dieser Arzt, dem Schulfreund sehr ähnlich war, für den er sich damals hätte interessieren sollen. Und der Arzt erzählte ihm dann nicht nur die Geschichte seines Großvaters, sondern auch über seine Kindheit und das Leben in Israel, in dem es mittlerweile für einen Juden gefährlicher war, als in Deutschland. Als O. dann nicht verstehen konnte, hätte ihm der Arzt den Holocaust erklärt sowie die Zusammenhänge zwischen Diaspora und Schoah. Schließlich, nachdem Körper und Seele vollständig genesen, wären beide nach Danzig gefahren und hätten sich gemeinsam auf Spurensuche begeben. O., der wirklich geistig genesen wäre, hätte keine Beziehung mehr zu seinem bisherigen Charakter als alter Antisemit – ein Ausgang, der jedoch an den Haaren herbeigezogen und vermutlich völlig anders verlaufen wäre. 

Tatsächlich wäre natürlich kein operativer Eingriff gewagt worden, wahrscheinlich wäre O. solange in seinem Lebensaugenblick gefangen gewesen, bis niemand mehr eingriffen hätte und man ihn schließlich für Tod erklärt hätte. Das Verfahren der Staatsanwalt gegen O. wäre aus natürlichen Gründen eingestellt worden, nur die Angehörigen würden vielleicht keine Ruhe geben und das Angebot eines Rechtsanwaltes in Anspruch nehmen, der nämlich beabsichtigte, gegen den V-Mann des Verfassungsschutzes eine Klage wegen Rufmordes einzuleiten.

Fest entschlossen tütete G. die Papiere mit seinem Gedicht in mehrere Umschläge, die er an verschiedene Zeitungsredaktionen schicken wollte. Er machte es selbst, mit den allerletzten Tintenresten adressierte er mit schwungvoller Schrift und brachte die Sendungen auf den Weg, und zwar auf dem Postweg, um der Sache eine entsprechende Gewichtung zu geben. Die Redaktionen waren sicher froh, endlich mal wieder etwas von ihm zu bekommen. Und wenn es sich bei diesem Gedicht auch nicht um das lyrischste Werk seiner Dichtung handelte, würde man sicher den tieferen Sinn der Disharmonie erkennen, der Zweck heiligt bekanntlich alle Mittel, und das Thema ist ihm Zweck genug.

Als G. dann am Holstentor vorbei in Richtung Hauptbahnhof ging, denn jedermann weiß, dass es in Bahnhöfen immer noch anständige Briefmarken geben sollte, dachte er daran, was Thomas Mann wohl gedacht hätte. Kamen ihm vielleicht da Zweifel an seinem Tun?

Nein – er musste tun, was ihm nützlich und billig erschien, er musste dieses Gedicht veröffentlichen. Egal, von welcher Seite aus Applaus erfolgen wird oder Kritik geübt wird, da war er fest entschlossen. Er erinnerte sich an die DDR, an Mutlangen und die Amerikaner und daran, was die Leute darüber dachten. Und dann vielleicht, was die Leute über sein Gedicht denken würden.

Daran dachte G., als er in dieser abendlichen Stunde über Lindenplatz ging. Doch hätte er sich vielleicht weniger mit der Reaktion, sondern besser mehr auf den Wahrheitsgehalt seiner Zeilen beschäftigen sollen. Denn dass, was er damit ansprechen wollte, war alles andere als ein Tabu, aber wie er es formulierte, kam es mehr einer Verdrehung von Tatsachen gleich.  Wusste er wirklich nicht, dass es der Iran war, deren Staatsführung öffentlich mit der “Auslöschung” Israels drohte, sondern auch militärisch den “Erstschlag” plante? War es ihm wirklich ernst damit, Israels Versuche der Selbstverteidigung als “Verbrechen” zu bezeichnen? Den jüdischen Staat Israel in Wortwahl und Duktus seiner Lyrik mit dem Nazistaat Deutschlands auf eine Stufe zu stellen, gar gleichzusetzen? Es wäre unmöglich, hier keinen Zusammenhang mit seinem späten Geständnis, als 17jähriger Soldat der Waffen-SS gewesen zu sein, zu sehen. Sehen zu müssen!

Aber vielleicht war gerade dies von G. beabsichtigt?

Wenn nämlich bewiesen wäre, und wenn auch nur lyrisch, dass die Juden heute nicht besser als ihre damaligen Täter wären, aus ihrer eigenen Geschichte also nichts gelernt hätten, dann wäre doch diese kollektive Schuld, die da so beschwerlich über einigen deutschen Seelen lastet, um ein Vielfaches geringer? Um damit würde dann endlich auch seine umstrittene Rolle in der SS relativiert. Allerdings eine gefährliche Gleichung. Doch würde er sich diese Gleichung nicht anlasten lassen, darauf müsste jeder schon selbst kommen. Er würde sich nicht provozieren lassen, das Wort “Israel” durch “Juden” zu tauschen, sein Gedicht war ja schließlich kein Traktat Hitlers zum “Weltjudentum” und er war ja nicht dumm. Er wollte dieses Werk als politische Kritik verstanden wissen, schließlich ist G. im Gegensatz zu O. wirklich kein rassistischer Antisemit. Vage erinnerte er sich noch an Gespräche im Kreise der Familie, damals, im vergangenen Danzig, in denen seine Mutter sinngemäß erklärte, egal was erzählt werden würde, egal was auch die Nazis sagten, sie selbst wurde von den Juden immer anständig behandelt, und außerdem, und das war für sie das entscheidende Argument, seien die Juden die besten Kaufleute. 

Unauffällig stand G. dann in der Bahnhofsbuchhandlung vor den Auslagen der deutschen und internationalen Presse. Er überflog die Titel der Kunst- und Kulturzeitschriften, nahm sich eine Fotozeitschrift und ein politisches Magazin. Nachdem er umständlich die Dame an der Kasse wegen der Briefmarken ansprechen musste, erkannte die den Schriftsteller und errötete. Sie bedankte sich für den Kauf was ihn zu einer eitlen, völlig übertriebenen Geste veranlasste und sich verabschiedete.  

Nachdem er dann wie beiläufig seine Umschläge frankiert und in den nächstbesten Briefkasten geworfen hatte, schlenderte er noch etwas herum. Schließlich erkannte er sich selbst, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, in der reflektierenden Fensterscheibe einer Hotelhalle und war sich seiner Selbst dabei nicht mehr ganz sicher. War dies jetzt noch das Antlitz des medienerprobten Blechtrommlers? War er noch die aus Kunst selbst erschaffene Figur des Jungen, der sich weigerte zu wachsen, oder war er nicht eher eine alte, einem weisen Butt ähnliche Gestalt eines Literaten, der zuletzt die Maske nicht mehr halten konnte und wollte, an der er jahrzehntelang geschnitzt hat? Erkannte er vielleicht in diesem Spiegelbild bereits diese Tartüfferie, als eine fleischgewordene Immoralität in Gestalt eines über allen Dingen schwebenden Gutmenschen?

Man weiß es nicht.

Und er spazierte also in dieser norddeutschen Bahnhofsgegend herum, ging vielleicht jenem zugetragenen Gerücht nach, dass es hier irgendwo eine Busverbindung in die alte Heimat gibt, also quasi eine Art Brücke zwischen Lübeck der Gegenwart und dem Danzig der Vergangenheit. Vielleicht dachte er ja daran, zuhause doch noch mal gründlich nach dem allerletzten Tintenfässchen zu suchen und eventuell doch noch ein allerletztes Mal aus dieser Sache ein Stück Literatur zu lügen. Auf jeden Fall fand er dann sehr schnell diese Bretterbude, die abseits der Bussteige am alten Güterbahnhof als Ticket- und Informationsschalter steht, und studierte sehr lange die Fahrpläne der Buslinien, die von dort aus Polen und tatsächlich auch Danzig ansteuern. Und zwar täglich.

Da das Schicksal und der Zufall Zwillinge sind, verwundert es nicht, dass knappe zwanzig Minuten später dann einer dieser Busse von dieser Haltestelle aus starten sollte. Und zwar ein ziemlich betagter Omnibus, der nur wenige Meter entfernt bereits bereitstand und äußerlich völlig dem Klischee eines polnischen Busses entsprach. Fast sah es so aus, als ob G. trotzdem die Reise wagen sollte. Vielleicht sollte er es wagen, obwohl er an den romantischen Traum einer Busreise von der Gegenwart in die Vergangenheit nicht wirklich glauben konnte. So sah er dann diesem Bus auch nur verträumt nach, nachdem dieser endlich seinen Motor startete, schwerfällig die Türen schloss, um seine Fahrt nach Danzig zu beginnen. 

Er blickte dem Bus hinterher, nachdenklich, und kurz bevor der Wagen um die Ecke bog, schien G. dann eine Erscheinung zu haben. Durch die Heckscheibe des Busses meinte er, wohlbekannte Figuren zu erkennen. G. war sich in diesem Moment völlig sicher, dort auf der Rückbank seinen Blechtrommler, die Rätin, einen Butt und andere Figuren zu erkennen. Scherenschnitt artig, aber doch irgendwie lebendig. Die erschaffenen Geister verlassen den sich selbst demontierenden Künstler.

Doch er konnte nichts anderes, als erneut und vielleicht für ein allerletztes Mal aus einer eitlen, völlig übertriebenen Geste heraus diesem Bus hinterher zu winken. Er schien mit sich im Reinen.

War es so? 

Wir wissen es nicht.

Es wäre jedoch ein trauriges Debakel.

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